400  Das  Spiel  des  Kindes.

sondern  daß  man  der  kraftvollen  Natur  des  gesunden  Kindes  gerecht  wird,
indem  man  es  seinen  natürlichen  Trieben  überläßt,  selbständig  beobachten,
sich  erproben  und  ausleben  läßt,  also  ungehindert  nach  Herzenslust  das
treiben  läßt,  was  der  Erwachsene  „spielen“  nennt.

Wie  geschieht  dies  am  besten?

Es  ist  so  einfach,  wenn  die  Mutter  die  richtigen  Anschauungen  besitzt;  es
liegt  so  nahe,  wenn  sie  sich  ihre  mütterlichen  Instinkte  bewahrt  hat!  Im  Alter
des  „Tragkissens“  beginnt  man  schon  damit,  indem  man  das  kleine  Wesen
recht  viel  sich  selbst  überläßt.  Viel  zu  häufig  wird  auf  die  empfindliche
Menschenknospe  eingesprochen,  seine  Aufmerksamkeit  geradezu  gewaltsam  erregt,
und  das  Kind  von  seinem  Innenleben  abgezogen.  Das  ist  falsch,  das  ist
schädlich!  Das  muß  nervöse  und  unruhige  Menschen  zur  Folge  haben.
Man  lasse  es  also  im  Bette  stillvergnügt  strampeln  und  lege  es  täglich
ausgekleidet  in  die  Luft.  Diese  „Luftbäder“,  je  nach  der  Luftwärme  in  der
Sonne  oder  im  Schatten  gegeben,  sind  dem  Kinde  ein  Genuß,  härten  es  ab
und  regen  seine  Lebensgeister  an.  Legt  man  es  auf  den  Bauch,  bekanntes
Spielzeug  in  die  Nähe  und  überläßt  es  sich  selbst,  so  beginnen  die  Kleinen
alsbald  mit  allerlei  kleinen  Manövern,  um  das  Spielzeug  zu  erreichen,  ändern
ihre  Lage,  rutschen  weiter  und  lernen  so  allmählich  das  Kriechen.  (Siehe
Tafel  13.)  Zweckmäßig  bekleidet  lege  man  vier  bis  fünf  Monate  alte  Kinder
auf  eine  Decke  auf  den  Boden  und  lasse  sie  dort  treiben,  was  ihnen  behagt.
Sie  werden  dann  so  anspruchslos,  so  zufrieden  und  so  viel  selbständiger  als
jene  anderen,  die  nie  vom  Arme  ihrer  Wärterin  herunterkommen,  daß  es
eine  Freude  mit  ihnen  ist.  Größere  Kinder  lasse  man,  wie  unsere  Tafel  14
zeigt,  im  Luftpark  spielen.  Turnvorrichtungen,  Schubkarren,  Hunde  usw.
sollen  ihnen  da  zur  Verfügung  stehen.  Die  Sonne  brennt  ihre  Haut  braun,
der  Appetit  wird  unstillbar  und  die  Stimmung  der  Kinder  seelenvergnügt.
Gibt  es  doch  nichts  Herrlicheres  auch  für  größere  Kinder,  als  nackt  im
Freien  zu  springen  und  zu  spielen.  Wer  es  vermag,  schaffe  seinen  Kindern
solche  natürliche  Freuden!

Wenn  zehn  Monate  alte  Kinder  schwerfällig  dasitzen,  wenn  sie  in  untätiger
Rückenlage  beständig  Unterhaltung  heischen,  sogleich  zu  weinen  anfangen,
wenn  man  sie  ein  Weilchen  verläßt,  wenn  sie  also  gar  keine  selbständigen
Bewegungen  ausführen,  so  sind  sie  schon  verbildet,  hochgradig  verwöhnt  und
in  ihrer  Entwicklung  zurückgeblieben.  Einen  großen  Teil  der  Schuld  trägt
die  ununterbrochene  Benützung  des  Kinderwagens  daran,  so  handlich  er  auch
im  übrigen  ist.  Er  hemmt  die  Bewegungen  des  Kindes,  das  tief  drinliegt,
sperrt  es  von  der  Umgebung  ab  und  ist  seiner  Gesamtentwicklung  ungünstig.
Das  Kind  darf  keine  Mauern  vor  seinen  Augen  haben,  es  muß  sehen  können
und  sehen  lernen;  der  Wagen  eignet  sich  daher  zum  Schlafen,  aber  nicht  zum
stundenlangen  Aufenthalt  während  des  Wachens.  Auch  gefahren  sollte  das
Kind  nicht  immer  werden;  denn  das  damit  verbundene  Schütteln  und  Stoßen