420  Nervosität  bei  Kindern.

Die  Nervositãt  unserer  Kinder.

Wenn  die  Nervenschwäche  der  Erwachsenen  zunimmt,  wenn  die  Lebensweise
  der  Mütter  immer  schlechter  wird,  ist  es  wahrlich  kein  Wunder,  wenn
auch  die  Säuglinge  und  kleinen  Kinder  schon  verschiedene  Anzeichen  der  Nervenreizbarkeit
  und  Nervenschwäche  an  sich  tragen.  Sehr  unklar  sind  sich  die  Eltern
aber  meist  darüber,  wie  sich  diese  verfrühten
  Zustände  am  Kinde  äußern.
Sie  behandeln  diese  dann  gewöhnlich
falsch,  erblicken  in  dieser  oder  jener
Eigenheit  des  Kindes,  die  ihnen  mißsällt,
  eine  sogenannte  „Ungezogenheit"
und  strafen  sogar,  wo  sie  ganz  anders
vorgehen  sollten.  Daß  solches  Verfahren
  vorhandene  Schwächen  des
Geistes  und  der  Seele  eher  verstärkt
als  vermindert,  ist  leicht  erklärlich,
wenn  man  bedenkt,  daß  Strafen  nur
neue  seelische  Erregung  veranlassen,
ja  Verbitterung  und  Bosheit  erregen.

Beim  Säugling  schon  beobachten
wir  die  ersten  Anzeichen  von  Nervosität.
  Er  zuckt  bei  jedem  starken  Geräusch
  zusammen;  er  zeigt  übergroße
Empfindlichkeit  gegen  alles,  was  seine
Mutter  genießt,  obwohl  man  ihn  nicht
verdaunngskrank  nennen  kann;  er

—  schläft  unruhig,  er  schreit  in  erregtem
.—  Zustande  übermäßig  heftig,  zeigt  auch

Fig.  256.  „X-Beine“  wohl  schon  Neigung  zu  unbändiger
bei  einem  vierjährigen  Mädchen.  Lustigkeit,  wenn  man  mit  ihm  spielt

usw.  Bei  dem  heranwachsenden  Kinde
werden  diese  Erscheinungen  noch  viel  dentlicher.  Da  sind  besonders  zu  beobachten:
die  Angstlichkeit  kleiner  Mädchen  vor  Dunkelheit  und  Alleinsein,  die  als  krankhaft
  auffällt;  Abschen  und  Widerwille  vor  Dingen,  welche  die  Empfindung
ruhiger  Menschen  gar  nicht  erregen,  so  vor  gewissen  Tieren,  vor  Speisen  usw.,
wobei  heftige  Erregungen,  wie  Weinen,  Zittern,  Schreien  ausgelöst  werden;
Ausgelassenheit,  die  oft  ausgesprochenen  Geisteskrankheiten  vorangeht  und  besonders
  dann  auch  bei  Kindern  verdächtig  ist,  wenn  gar  keine  Ermüdung  darnach
eintritt;  Apathie  und  Unempfindlichkeit  für  äußere  Eindrücke,  die  bei  geistig