422  Nervosität  bei  Kindern.

Aber  auch  körperliche  Degenerationszeichen  gibt  es,  welche  auf  geistige
Abnormität  schließen  lassen,  wenn  sie  in  bestimmten  Verbindungen  auftreten.
Das  sind  anatomische  Verbildungen,  die  meist  angeboren  sind.  Verbildungen
  solcher  Art  sind  da,  wenn  z.  B.  zwischen  dem  Schädel  und
dem  Gesicht  oder  zwischen  einzelnen  Teilen  derselben  nicht  die  normale
Proportion  stattfindet,  wenn  die  Stirne  auffallend
zurückweicht,  der  Hinterkopf  abgeplattet  ist,  die  Zähne
nuregelmäßig  oder  doppelt  stehen,  die  Ohren  mißgestaltet
  oder  ungleich  sind  und  anderes  mehr.  Doch
müssen  wir  hier  ausdrücklich  hinzusetzen,  daß  eine
einzelne  Mißbildung  an  sich  noch  nicht  die  Berechtigung
  gibt,  auf  psychopathische  Zustände  zu  schließen.
Es  müssen  geistige  und  körperliche  Zeichen  vereinigt
  auftreten.
Wir  sehen  aus  dieser  Sammlung  von  Fehlern,
die  noch  lange  nicht  vollständig  ist,  wie  sehr  die
seelischen  und  geistigen  Eigentümlichkeiten  im  Körperlichen
  wurzeln  und  daß  neben  der  geistigen  Erziehung  auch  die  körperliche
mit  Rücksicht  auf  die  vorhandenen  geistigen  Fehler  gehandhabt  werden  muß.
Die  wenigsten  ahnen,  was  alles  von  unseren  Nerven  abhängig  ist  und
wie  sehr  Ernährung,  Luft,  Kleidung,  Beschäftigung,  Schlaf  sie  beeinflussen.
Daher  ist  auch  die  Zeit  des  Schulbesuches  so  wichtig  für  die  kindliche
Entwicklung.  Nicht  nur  die  Nervosität  begünstigt  sie,  sondern  Kurzsichtigkeit,
  Verkrümmungen  der  Wirbelsäule,  Verdauungsstörungen,
  sowie  Gelegenheit  zu  Infektionskrankheiten

  schafft  sie.  Man  nennt  diese  Krankheiten
  daher  auch  „Schulkrankheiten“.

Daß  es  aber  keineswegs  leicht  ist,  bei
unvernünftigen  Kindern,  die  weder  Selbstbeobachtung
  noch  weniger  Selbsterziehung  üben,  Fehler,
  wie  die  hier  angeführten,  zu  beseitigen,  soll

Nach  Bovier.  gleich  im  vornherein  zugestanden  werden;  dennoch

hat  man  schon  viel  erreicht,  wenn  man  als
Mutter  oder  Vater  sehend  geworden  ist,  wenn  man  die  Entstehung  der
Fehler  an  unseren  Lieblingen  begriffen  hat  und  nur  noch  die  Frage  erwägt:
was  habe  ich  zu  tun,  um  zu  bessern?  Ausführlich  über  geistige  und  seelische
  Erziehung  zu  sprechen,  gehört  nicht  in  den  Rahmen  unseres  Buches;
wir  müssen  daher  in  bezug  darauf  auf  andere  Werke  verweisen;  unsere
Aufgabe  besteht  nur  darin,  durch  diese  wenigen  Zeilen  den  Zusammenhang
des  Körperlichen  und  Geistigen  darzutun  und  insbesondere  die  hohe  Bedeutung
  der  Erziehung  in  den  ersten  Lebensjahren,  bis  zum  siebenten
Lebensjahre  etwa,  die  schon  Rousseau  seinerzeit  so  sehr  hervorhob,  und

Fig.  258.  Ohrenkappe.
Nach  Hawehs.