Nervosität  bei  Kindern.  423

die  eine  großenteils  körperliche  ist,  zu  betonen.  Durch  natürliche  Spiele  im
Freien  mit  Sand  und  Steinen,  halbnackt  auf  blumigen  Wiesen,  in  der
Sonne  und  unter  dem  Schatten  schöner  Bäume  verscheuchen  wir  Mattigkeit,
Gleichgültigkeit,  Gereiztheit,  Eitelkeit,  Empfindlichkeit  usw.  Die  Kinder  sind
während  und  nach  solchem  Spiele  wie  umgewandelt!  Heiter  und  glücklich,
gefügig  und  unbefangen  vergessen  sie  oft  gewohnte  Unarten  und  tun  gerne,
was  wir  ernst  und  liebevoll  von  ihnen  verlangen.  Man  versuche  es  nur
damit.  Es  ist  die  Macht  der  Natur  gegenüber  künstlich  anerzogenen  Übeln,
die  Kleiderzwang,  mangelhafte  Bewegung,  Langeweile  bei  Tausenden  von
Kindern,  die  in  Häusern  eingeschlossen  sind,  geschaffen  haben.  Dann  ist
es  die  Pflicht  zur  Arbeit,  die  wir  frühe  ins  kindliche  Bewußtsein
pflanzen  müssen  und  die  merkwürdig  veredelnd  auf  nervöse  Kinder  einwirkt.
Kleine  Handreichungen  (Ordnen  der  Spielsachen,  Mithilfe  beim  Ankleiden
nsw.),  die  konsequent  täglich  vom  Kinde  gefordert  werden,  wecken  das  Pflichtgefühl
  und  erziehen  zur  Selbstzucht.  Und  als  drittes  geben  wir  noch  den
Einfluß  auf  das  Gemüt  des  Kindes  an:  die  Erziehung  des  Herzens!
Mit  Liebe  erziehe  man  seine  Kinder  zur  Liebe;  man  wache  über  ihre
Herzensreinheit,  die  man  abermals  im  täglichen  Verkehr  mit  der  Natur  am
sichersten  erhält,  lehrt  sie  kleine  Tiere  zu  pflegen  und  zu  lieben,  für  andere
Personen  kleine  Opfer  zu  bringen,  und  bewahre  ihre  Seelen  vor  jenen
Unkrautpflanzen,  die  das  Kindergemüt  oft  so  frühe  schon  umstricken  (siehe
Verlogenheit,  Eifersucht,  betrügerisches  Wesen,  Begehrlichkeit)  und  die  bei
krankhaften  und  falsch  erzogenen  Kindern  so  häufig  beobachtet  werden.  Besteht
  nebenbei  die  Ernährung  aus  Brot,  Milch,  Obst,  genießen  die  Kinder
Tag  und  Nacht  nur  reine  Luft,  werden  sie  an  Luftbäder  im  Freien
gewöhnt,  dann  bleiben  auch  von  Natur  schwächliche  Kinder  liebliche
Wesen,  die  später  weder  in  der  Schule  noch  im  Leben  herbe  Erfahrungen
zu  erwarten  haben.  Der  Tierschutz  in  jeder  Form  gepflegt,  dem  Verständnis
  der  Kinder  angepaßt,  wird  uns  bei  einer  solchen  Erziehung  wesentlich
  unterstützen.

Zum  Schlusse  noch  einige  Worte  an  die  Väter  und  Mütter.  „Man
muß  vorsichtig  sein  bei  der  Wahl  seiner  Eltern“  heißt  es,  und  mit  vollem
Recht.  Jedes  neugeborene  Kind  hätte  das  Recht,  seine  Erzeuger  zu  fragen:
„Wißt  ihr  auch,  daß  ihr  die  Schöpfer  meines  leiblichen  und  seelischen
Glückes  seid?  Habt  ihr  euch  gefragt,  warum  ich  so  widerstandsunfähig,
so  „nervös“  zur  Welt  gekommen  bin?“  Nein,  sie  haben  sich  meist  nicht
gefragt,  und  wenn  es  einmal  geschehen  ist,  dann  hat  es  gewöhnlich  nichts
mehr  genützt,  denn  dann  war  das  Kind  —  verpfuscht.  Wir  aber  wissen
es!  Wir  sagen  euch  Vätern  und  Müttern:  Euer  Kind  ist  nervös  geworden,
weil  ihr  von  Jugend  an  Allohol,  oft  nur  zu  reichlich,  genossen  habt,
weil  ihr  ein  unreines  Leben  geführt  und  durch  geschlechtliche  lüberanstrengungen
  euch  geschwächt  habt,  weil  ihr  Gesundheitspflege  nicht  verstanden