428  Abhärtung.

Hbbärtung.  Wie  oft  hört  man  über  „Abhärtung“  sprechen,  und
was  stellen  sich  die  Menschen  darunter  vor!  Eigentlich  möchte  jeder  gerne
„abgehärtet“  sein,  wenn  man  nur  wüßte,  wie  man  dies  anzufangen  hat!
Mit  naktem  Fuße  auf  kalten  Boden  treten  —  hu,  wie  gefährlich,  da  holt
man  sich  mindestens  Mandelentzündung!  Auf  dem  kalten  Stein  sitzen  —  was
fällt  Ihnen  ein!  Soll  man  Rheumatismus  erwischen?  In  Wind  und  Regen
am  Tore  stehen  —  ja,  da  gibt  es  sicher  eine  Lungenentzündung.  Und  erst
gar,  wenn  im  heißen  Saale  gegenüberliegende  Fenster  geöffnet  werden,  da
holt  man  sich  den  Tod!  Ohne  Mäntel  und  Tücher  kommt  man  auch  im
Sommer  nicht  zurecht;  das  „Wetter“,  der  „Zug“  usw.  spielen  eine  so
große  Rolle  im  Leben  der  verweichlichten  Frau,  —  sie  weiß  gar  nicht,  wie
sehr  sie  Sklavin  ihrer  schlechten  Gewohnheiten  ist.  Tatsächlich  sind  kleine
Erkältungskrankheiten  häufig;  nicht  aber  die  Zugluft,  der  Regen  usw.  bringen
sie,  sondern  die  krankhafte  Haut,  die  stets  zu  Blutüberfülle  geneigten  Schleimhäute,
  der  ungenügende  Stoffwechsel.  „Abhärtung“  würde  also  darin  bestehen,
daß  man  zuerst  die  natürlichen  Funktionen  des  Organismus  regelt,  daß
man  alles,  was  diese  stört,  energisch  beseitigt  (vor  allem  schädliche  und  überflüssige
  Kleider),  dann,  daß  man  durch  Luftbäder,  Barfußgehen  und  Liegen
auf  freier  Erde  den  Körper  zu  natürlicher  Widerstandskraft  und  Unempfindlichkeit
  bringt.  Hat  man  dies  erreicht,  dann  hört  die  Erkältungsfurcht  anf,
und  die  Erkrankungsfähigkeit  vermindert  sich  so  sehr,  daß  man  sich  selbst
kaum  wieder  erkennt.  Man  hält  jetzt  wirklich  etwas  aus,  Schnupfen  und
Husten  scheinen  nicht  mehr  wiederzukommen,  Angstlichkeit  vor  „Nachtluft"“
u.  dgl.  gibt  es  nicht  mehr,  seitdem  man  bei  offenen  Fenstern  und  in
„Lufthütten“  schläft,  —  wahrhaftig,  man  ist  „abgehärtet“!

Werden  Kinder  gleich  vom  ersten  Lebensjahre  an  in  diesem  Sinne
gehalten,  dann  wird  ihnen  ein  ganzes  Heer  von  Übeln  erspart.  (Siehe
II.  Teil  „Das  Kind“.)

Die  Abhärtung  wird  also  erzielt  durch  wenig  Kleider,  viel  Luft,
Gewöhnung  an  Strapazen  und  Unbill  der  Witterung,  bei  steter
genügender  Wärmeerzeugung,  nicht  aber  durch  tägliche  Anwendung  des  kalten
Wassers  bei  verkehrter  Ernährung  und  Bekleidung.  Wollen  schwächliche
Menschen  sich  abhärten,  so  sollen  sie  dies  nur  unter  ärztlicher  Leitung  tun;
denn  über  das  Maß  des  Zulässigen,  über  den  Anfang  und  die  ungefährlichen
Steigerungen  ist  sich  der  Laie  meist  sehr  unklar  und  macht  dann  gerne
kleine  —  Dummheiten.

Ein  mageres  Fräulein  wollte  einmal  durchans  „kräftig“  werden.  Sie
hatte  allerlei  Gesundheitsregeln  gelesen,  nahm  nun  auf  einem  steinernen
Balkon  (ungeeignet!)  morgens  ein  Luftbad  und  darauf  ein  kaltes  Sitzbad.
  Wirkung:  sie  wurde  den  ganzen  Vormittag  nicht  warm  infolge  des
Wärmeverlustes  und  so  nervös,  daß  sie  schließlich  ärztlichen  Rat  aufsuchen
mußte.  Das  war  die  verfehlt  angepackte  „Abhärlung“  mit  Luft  und  Wasser!