Abmagerung.  429

Eine  unerfahrene  Mutter  wollte  ihre  kleinen  Kinder  abhärten.  Sie  ließ  sie
auch  zu  kalter  Jahreszeit  im  Hause  barfuß  lanfen,  badete  sie  täglich  usw.  Wirkung:
anhaltende  Diarrhöen,  beständig  kalte  Füße  und  Hände,  auffallende  Reizbarkeit
der  Kinder.  Der  endlich  hinzugezogene  Arzt  verordnete  den  durchweg  blutarmen
und  schwächlichen  Kindern  warme  Tuchschuhe,  Erwärmung  der  Ertremitäten
durch  Bewegung  und  andere  Anwendungen  sowie  Beschränkung  der  Bäder,  weil
bei  Wärmemangel  und  Blutarmut  nur  im  warmen  Sommer  mit  der  Abhärtung
begonnen  und  diese  bei  schwächlichen  Individuen  den  Kräften  stets  so  angepaßt
werden  muß,  daß  der  Organismus  einen  erlittenen  Wärmeverlust  auch  wieder  auszugleichen
  vermag.  Dann  macht  man  Fortschritte,  im  anderen  Falle  nur  Rückschritte.

Als  praktische  Anleitung  dienen  für  empfindliche  Anfänger  in  der  Abhärtung
folgende  Verordnungen:  Morgens  in  Sandalen  (ohne  Strümpfe)  spazieren
gehen,  am  besten  kleinen  Berg  ersteigen,  tief  atmen,  dann  kurzes  Fußbad  in
einer  Waldgquelle  oder  im  kleinen  Bach,  darnach  Frühstück  mit  gesundem  Appetit;
nachmittags  Barfußlaufen  auf  warmen  Wiesen  und  Wegen,  zuerst  eine  Viertelbis
  eine  ganze  Stunde,  zweimal  wöchentlich  Halbbad  von  35°  C.,  mit  langsamer
Abkühlung  bis  25  oder  20°;  nachts  bei  warmem  Wetter  weit  offene  Fenster,
bei  kühlem  nur  den  oberen  kleinen  Flügel  öffnen.  Wem  Luftbäder  zur  Verfügung
  stehen,  der  zögere  nicht,  sie  zu  benützen;  sie  härten  am  besten  ab,  indem
sie  die  Haut  an  Temperatur  und  Lufteinflüsse  gewöhnen.  Selbstverständlich
kommt  das  Taulaufen  später  an  die  Reihe,  wenn  der  Fuß  so  weit  an  den
Erdboden  gewöhnt  ist,  daß  keinerlei  Erkältungen  mehr  zu  befürchten  sind.
Trikotwäsche  und  lockere  Oberkleidung  sind  unerläßlich.

Hbmagerung.  Es  gibt  sensible  Naturen,  die  alljährlich  wiederholte
Gewichtsschwankungen  durchmachen.  Es  hat  dies  bei  ihnen  aber  nicht  viel
zu  bedeuten.  Bei  Fetten  ist  ein  langsames  „Abfallen“  ein  günstiges  Zeichen,
ein  Beweis  für  gesünderen  Stoffwechsel.  Geht  Abmagerung  jedoch  bei
im  übrigen  gut  ernährten  Personen  mit  schlechtem  Befinden  Hand  in  Hand,
dann  wirkt  eine  Krankheitsursache  mit,  die  man  klarlegen  muß.

Jede  Abmagerung  beginnt  mit  einem  Verlust  des  aufgespeicherten  Fettes,
es  wird  im  Organismus  „verbrannt“,  und  wenn  keines  mehr  zugesetzt  werden
kann,  wird  das  im  Blute  zirkulierende  Eiweiß  verbraucht,  der  Körper  fällt
ein,  wird  dünn  und  schlaff,  Knochen  und  Haut  treten  immer  deutlicher  hervor.
Die  ausgenommene  Nahrung  reicht  entweder  nicht  aus,  die  Verluste  zu  decken,
oder  der  Organismus  hat  die  Fähigkeit  verloren,  die  ausgenommene  Nahrung
aufzusaugen,  d.  h.  einen  gewissen  Teil  derselben  sich  einzuverleiben  und  die
durch  den  Stoffwechsel  verlorenen  Stoffe  wieder  zu  ersetzen.  Meist  geht
Appetitlosigkeit  der  Abmagerung  voraus,  und  sowie  sich  der  Appetit  wieder
einstellt,  hört  auch  die  Abmagerung  auf.

Bei  vielen  Personen  ist  Magerleit  jedoch  angeboren,  sie  können  essen
und  unternehmen,  was  sie  wollen,  Fett  setzt  sich  nun  einmal  bei  ihnen  nicht
an.  Das  sind  die  hageren,  schlanken  Leute,  welche  meist  mehr  Muselkraft