440  Aderlaß.

hat,  so  war  auch  der  Aderlaß  nicht  ganz  ohne  Nutzen,  und  zweifellos  gab
es  Fälle,  wo  er  Großartiges  leistete.  Das  sind  beispielsweise  jene  bei
Bewußtlosigkeit,  bei  Erstickung,  bei  Stauungen  und  Stockungen,  bei  gewissen
Blutkrankheiten,  bei  Lungenödem  und  Schlagfluß  usw.  Wenn  man  aber
Erschöpften  vom  wenigen  Blut,  das  sie  haben,  noch  etwas  abzapft,  dann
ist  das  freilich  nicht  am  Platze  und  muß  verminderte  Widerstandskraft  zur
Folge  haben.

Der  Aderlaß  bestand  darin,  daß  man  in  der  Ellenbogenbeuge  eine
Vene  anschnitt  und  diese  eine  gewisse  Zeit  bluten  ließ.  Wollte  man  den
Blutdruck  im  Gefäßsystem  beeinflussen  oder  schnell  einwirken,  so  schnitt  man
auch  einmal  Arterien  an,  die  stärker  bluten  als  Venen.  Unsere  Zeichnungen
unter  „Blutungen“  zeigen  uns  den  Unterschied:  aus  der  angeschnittenen  Vene
am  Beine  rieselt  das  Blut  heraus;  aus  der  Arterie  am  Arme  aber  spritzt  es  hoch.
In  der  Arterie  steht  das  Blut  unter  höherem  Druck,  daher  diese  Erscheinung.

Die  bevorzugte  Stelle  für  den  Aderlaß,  die  Ellenbogenbeuge,  zeigt  uns
unsere  Fig.  264;  der  Oberarm  ist  abgebunden,  damit  das  Venenblut  stauen
kann,  man  sieht  die  Aderröhren  auch  geschwollen.  Die  Einstichstellen  sind
deutlich  angegeben.

Doch  lassen  sich  auch  an  anderen  Stellen  Aderlasse  ausführen.  Als
veraltet,  durch  „bessere“  Methoden  verdrängt,  hat  man  während  der  letzten
50  Jahre  den  Aderlaß  ganz  beiseite  geworfen,  obwohl  es  für  gewisse
Zustände  kein  schneller  und  sicherer  wirkendes  Mittel  gibt.  Auch  die  kräftigsten
Wasseranwendungen,  deren  Ausführbarkeit  oft  sehr  fraglich  ist,  wirken  nicht
so  rasch.  Man  stelle  sich  nur  ein  Röhrensystem  vor,  in  welchem  die  Flüssigkeit
zu  erstarren  droht  infolge  chemischer  Vorgänge  in  derselben;  mit  dem  Augenblick,
  in  dem  wir  ein  Loch  in  die  Röhre  machen,  um  etwas  Flüssigkeit
herauszulassen,  bekommt  die  träge  nachdrängende  und  verdickte  Masse  Raum,
kommt  dadurch  wieder  in  Fluß  und  reißt  auch  fernerliegende  Mengen  mit
sich.  Nach  kurzer  Zeit  ist  die  Stockung  überwunden,  der  Fluß  wieder
hergestellt.  Dieses  Beispiel  läßt  sich  für  gewisse  Fälle  im  menschlichen
Organismus  wohl  anwenden.

Vor  einigen  Jahren  trat  Dr.  Dyes,  Oberstabsarzt,  mit  einer  neuen
Aderlaßtheorie  auf  und  lehrte,  daß  gerade  Bleichsucht  am  besten  mittelst
Aderlaß  geheilt  werde.  Er  begründete  dies  damit,  daß  bei  der  Bleichsucht
das  Blutwasser  und  die  weißen  Blutkörperchen  vermehrt  seien  und  daß  sich
bald  bessere  Blutzusammensetzung  einstelle,  wenn  ein  kleiner  Teil  des  kranken
Blutes  entzogen  werde.  Er  hat  auch  tatsächlich  auffallende  Kuren  zustande
gebracht  und  Nachfolger  gefunden.

Auch  bei  schwer  heilbaren  Ausschlägen  hat  der  Aderlaß  zuweilen
geholfen,  indem  er  die  übermäßg  vorhandenen  weißen  Blutkörperchen  verminderte.
  Die  Ausführung  des  Dyesschen  Aderlasses  war  eine  ganz
andere,  als  sie  früher  üblich  war:  zuerst  stellte  man  das  Körpergewicht  des