446  Agonie.

und  Obst,  doch  beide  mit  Auswahl.  (Siehe  „Diät“  bei  „Verstopfung“.)
Auch  kalte  Duschen  auf  den  After  wirken  oft  sehr  gut.

In  hartnäckigen  Fällen  wird  die  operative  Behandlung  angewendet,  sie
hat  aber  auch  ihre  Schattenseiten.

Eine  sehr  nervöse  Gesangslehrerin,  die  an  nervösem  Asthma  und  sehr
hartnäckiger  Stuhlverstopfung  litt,  bekam  plötzlich  Darmvorfall,  der  zu  ihrem
Entsetzen  täglich  mehrmals  eintrat.  Kalte  und  warme  Anwendungen,  Massage
usw.  halfen  nicht,  obgleich  sowohl  Asthma  als  auch  die  Hartleibigkeit  fast
beseitigt  waren,  also  anscheinend  die  ursächlichen  Momente.  Eines  Tages  kam
sie,  im  besten  Wohlsein,  zu  melden,  daß  der  Darm  nicht  mehr  ausgetreten
sei  und  sie  sich  darob  überglücklich  fühle.  Ohne  daß  noch  etwas  Besonderes
unternommen  worden  war,  hat  der  auf  die  Darmmuskulatur  neu  einwirkende
Reiz,  der  jedenfalls  mit  der  Besserung  des  Allgemeinbefindens  zusammenhing,
eine  strammere  Haltung  der  Darmwand  bewirkt  und  ihr  so  viel  Kraft  verliehen,
  daß  sie  selbst  nach  Stuhlentleerungen  in  ihrer  normalen  Lage  blieb.

Agonie  (Todeskampf).  Fast  jeder  Mensch  kommt  einmal  in  die  Lage,
den  Todeskampf  eines  anderen  Menschen  zu  beobachten,  Frauen  als  Mütter
und  Krankenpflegerinnen  mehr  als  andere  Personen.  Daher  sollen  sie  auch
wissen,  daß  Agonie  jenen  Zustand  bedeutet,  in  welchem  der  Sterbende  bei
erloschenem  Bewußtsein  den  letzten  Kampf  kämpft.  Die  Atmung  wird  röchelnd,
stoßweise,  das  Herz  schlägt  mit  größeren  Unterbrechungen,  der  Körper  wird  mit
klebrigem  Schweiß  bedeckt,  das  Auge  verglast.  Der  Anblick  eines  solchen
Menschen  hat  etwas  sehr  Beängstigendes  für  Unerfahrene.  Kränklichen  und
nervösen  Personen  entziehe  man  daherdenselben.  Dieses  langsame
Stillewerden  der  Lebensmaschine  kann  stundenlang  währen;  es  ist  mitunter
auch  in  wenigen  Minuten  abgetan,  und  dann  tritt  die  Ruhe  des  Todes  ein,
die  der  Lebende  an  einem  ihm  wohlvertrauten  Menschen  nie  begreifen  kann.

Man  sorge  auch  in  diesem  Falle  für  eine  Erleichterung  des  Zustandes,
indem  man  alle  Hindernisse  beseitigt,  also  beispielsweise  schwere  Decken,
drückende,  schlechte  Zimmerluft,  schlechte  Lage.  Die  Fenster  reiße  man  weit
auf,  dann  sorge  man  für  erleichterte  Tätigkeit  des  Herzens,  indem  man  den
Sterbenden  in  horizontale  Lage  bringt,  ihm  auch  eine  kalte  Herzkompresse  auflegt
und  indem  man  Geräusche  in  der  Umgegend  verhütet.  Wir  wissen  nicht,  wann
jede  Empfindung  erlischt  und  wie  weit  trotz  jener  äußeren  Erscheinungen  noch
Gehirntätigkeit  vorhanden  ist;  daher  denke  man  stets,  um  alles  Unangenehme
von  dem  Sterbenden  abzuhalten,  er  höre  und  empfinde  alles  und  sei  bloß
in  seiner  Bewegung  gehemmt.  Dann  kann  man  wenigstens  ohne  Selbstvorwürfe
vor  dem  Sarge  stehen  und  sich  sagen,  daß  man  es  an  Verständnis  für  die
Lage  nicht  hat  fehlen  lassen.

Auf  uns  alle  wartet  der  Tod,  und  für  gar  manchen  Erdenbürger  ist
er  eine  Wohltat;  er  verdient  viel  mehr  als  Freund  denn  als  Feind  betrachtet
zu  werden!  (Siehe  I.  Teil,  achtes  Kapitel  „Langlebigkeit  und  Tod“.)