452  Anämie.

Die  Fälle  sind  sehr  selten,  wo  kein  anderer  Ausweg  als  Amputation
übrig  bleibt,  z.  B.  bei  gänzlich  zertrümmerten  Körperteilen;  selbst  bei  sehr
schweren  Verwundungen  und  sehr  langwierigen  Eiterungen  ist  es  durch  sorg—
same  Pflege  und  eine  Wundbehandlung,  wie  wir  sie  später  angeben  werden
(siehe  „Wundbehandlung“),  noch  möglich  geworden,  das  verletzte  Glied  zu
erhalten  und  auszuheilen.  Leider  ist  diese  Art  der  Behandlung  in  unseren
Spitälern  noch  nicht  eingeführt,  und  so  werden  dort  alljährlich  Hunderte  von
Leidenden  durch  das  vorschnelle  Messer  zu  bleibenden  Krüppeln  geschnitten.

Anãmie  ist  der  wissenschaftliche  Name  für  Blutarmut.  Man
versteht  darunter  eine  unrichtige  Blutzusammensetzung,  indem  das  Verhältnis
der  natürlichen  Bestandteile  desselben  sich  verschiebt  und  zwar  entweder  das  Blutwasser
  sich  zuweilen  vermehrt,  oder  die  Menge  der  Blutkörperchen  abnimmt,  oder
aber  die  im  Körper  vorhandene  Blutmenge  sich  im  ganzen  vermindert.  Die
Gesichtsfarbe  der  Blutarmen  verliert  die  gesunde  Frische  und  Röte,  sie  wird
blaßgrau  oder  gelblich.  Da  unser  Blut  Lebenssaft  ist,  die  Nahrungsquelle  für
alle  Gewebe,  so  ist  jede  Veränderung  seiner  Zusammensetzung  von  Einfluß  auf
den  ganzen  Organismus  und  sind  demnach  auch  die  bei  Blutarmut  auftretenden
Krankheitserscheinungen  zuerst  allgemeiner  Natur.  Sie  bestehen  in  Schwächegefühl,
  Herzklopfen,  Kopfschmerz,  kühler  Haut,  Kältegefühlen,  Arbeitsunfähig--keit
  usw.  Es  gibt  auch  eine  gefährliche  Form  der  Blutarmut,  an  welcher
man  nach  vollständiger  Entkräftung  zugrunde  geht.  (Anaemia  perniciosa.)

Nach  Entbindungen  und  Operationen,  bei  welchen  viel  Blut  verloren  wurde,
tritt  sie  oft  in  heftigerem  Grade  auf.  Da  so  viele  Frauen  jahrelang  an  zu
starken  Menstruationen  leiden,  ist  es  kein  Wunder,  wenn  sie  gleichfalls  blutarm
werden.  Das  verlorene  Blut  kann  sich  von  vier  Wochen  zu  vier  Wochen  nicht
ersetzen,  und  allgemeine  Schwäche  ist  die  nächste  Folge.  In  anderen  Fällen  ist
ungenügende  Ernährung,  sei  es  durch  ein  Magenübel  entstanden  oder  durch
schlecht  zusammengesetzte  und  minderwertige  Nahrung  (sogenannte  „Unterernährung"),
  die  Ursache  der  Blutarmut,  Luftmangel  nicht  zu  vergessen.  Daher
ist  es  begreiflich,  warum  das  weibliche  Geschlecht  so  viel  mehr  an  Blutarmut  leidet
als  das  männliche.  Letzteres  hat  die  vielen  Blutverluste  nicht,  betätigt  sich  geistig
und  körperlich  mehr  und  geuießt  infolgedessen  auch  viel  mehr  frische  Luft.

Blutarmut  ist  oft  die  Grundursache  anderer  schwerer  Leiden,  z.  B.  des
Lungenspitzenkatarrhs  bei  jungen  Mädchen,  der  Nervenschwäche,  der  Magengeschwüre
  usw.,  indem  die  Gewebe  ihre  Widerstandskraft  langsam  einbüßen
und  dann  erkranken.  Bei  länger  andauernder  Blutarmut  lasse  man  sich
gründlich  untersuchen,  um  noch  rechtzeitig  der  Entstehung  schwerer  übel  vorbengen
  zu  können.

Behandlung.  Ziuerst  sehe  man  sich  ein  wenig  nach  der  veranlassenden
Ursache  um  und  rücke  dieser  energisch  auf  den  Leib.  Alle  Arten  von
Blutungen  müssen  zuerst  beseitigt  werden,  dann  trete  man  der  Blutarmut
au  sich  näher.  Als  erstes  gilt  Regelung  der  Diät,  die  leichtverdaulich