472  Atmung  —  Atrophie.

Seite  469,  zeigen  uns  in  vortrefflicher  Weise  die  vollkommene  Atmung
mit  Hebung  und  Ausdehnung  des  ganzen  Brustkastens  ohne  Bevorzugung
eines  Teiles.  Von  links  nach  rechts  gehend,  sehen  wir  bei  der  Einatmungsstellung
  die  Wirbelsäule  stärker  gekrümmt  als  bei  der  Ausatmungsstellung,  den
Brustraum  verbreitert  und  verlängert,  das  Brustbein  gehoben,  das  Zwerchfell
abgeflacht,  während  es  bei  der  Ausatmung  gewölbt  ist  und  daher  den  Eingeweiden
mehr  Raum  läßt,  die  Bauchdecke  nach  vorn  gewölbt  und  die  Eingeweide  durch
den  Druck  des  Zwerchfelles  nach  vorn  gedrückt.  Bei  der  Ausatmungsstellung
sinkt  die  Bauchdecke  dagegen  ein.  So  sollten  alle  Menschen  atmen!

Wir  verweisen  nochmals  auf  die  Koflersche  Methode  zur  Ausheilung
aller  Brustschwachen  und  Blutarmen.  (Siehe  vorstehend  „Atemgymnastik“.)

Zu  erwähnen  ist  noch,  daß  nur  mit  der  Nase  eingeatmet  werden  soll,
nicht  durch  den  Mund,  und  daß  die  Atemmuskeln  die  Kehlkopfmuskeln  direkt
beeinflussen,  woraus  sich  die  Bedeutung  des  Atmens  für  den  Gesang  erklärt.

Atmung,  künstliche.  Sie  wird  in  jenen  Fällen  angewendet,  in  welchen
das  Leben  scheinbar  entschwunden  ist,  die  Möglichkeit  aber  doch  noch  besteht,  durch
Anregung  „der  Lebensgeister“  Bewegung  und  Bewußtsein  zurückzugewinnen.  Bei
Ertrunkenen,  Erstickten  oder  aus  anderen  Gründen  bewußtlos  gewordenen  Personen
  wendet  man  die  künstliche  Atmung  an.  Sie  besteht  in  künstlicher  Erweiterung
  und  Verengung  der  Brusthöhle  durch  von  außen  einwirkenden  Druck,
ferner  in  einem  Druckreiz,  den  man  auf  Zwerchfell  und  Herz  ausübt.  Im  ersten  Falle
wird  der  Bewußtlose  ausgestreckt  auf  den  Boden  gelegt,  man  kniet  zu  seinem  Kopfe,
faßt  die  beiden  Unterarme  und  schlägt  sie  mit  kräftigem  Ruck  über  dem  Kopfe  zusammen
  (Außdehnung  der  Brusthöhlel),  dann  senkt  man  sie  und  drückt  sie  fest  an
die  Brustseiten,  wodurch  der  Brustkasten  verengt  wird  (Ausatmungl)  Siehe  Fig.
273  und  274.)  Diese  Üübung  heißt  die  Sylvestersche  und  erfordert  viel  Kraft  und
Ausdauer.  Unter  den  Rücken  legt  man  eine  Unterlage,  um  den  Brustkasten  zu  heben.

Einfacher,  aber  doch  auch  mit  Geschick  auszuführen,  ist  das  Walken
des  Bewußtlosen  von  einer  Seite  auf  die  andere,  wobei  ebenfalls  ein
Druck  auf  den  Brustkasten  ausgeübt  wird.

Indirekte  Herzmassage.  Das  Zwerchfell  wird  beeinflußt,  ebenso  das
Herz,  wenn  man  mit  beiden  Handflächen  die  Eingeweide  in  die  Höhe  schiebt  und
nach  links  aufwärts  drückt,  dann  plötzlich  losläßt.  Dadurch  wird  das  Herz  hinaufund
  hinuntergeschoben,  durch  die  Erhebung  des  Zwerchfelles  aber  die  Brusthöhle  zuerst
  verengt,  und,  wenn  es  plötzlich  wieder  herabsinkt,  erweitert.  (Siehe  Fig.  275.)
Ist  noch  ein  Funken  Leben  vorhanden,  so  sind  solche  Anregungen  wohl  imstande,
Atmung  und  Herzschlag  wieder  in  Gang  zu  bringen.  Bei  verunglückten  Kindern
können  Frauen  diese  „erste  Hilfe  bei  Unglücksfällen“  wohl  zur  Anwendung  bringen.

AHtropbie  oder  „Schwund“.  Wenn  ein  Körperteil  kleiner  wird,  z.  B.  eine
Wade  nach  langer  Untätigkeit  des  Beines  oder  zu  langem  Wickeln  desselben,  wenn
ein  inneres  Organ  an  Umfang  verliert  und  immer  kleiner  wird,  so  spricht  man
von  „Schwund“".  Es  gibt  auch  einen  „Muskelschwund"  als  selbständiges  Leiden.