508  Berufswahl.

begreifen  können,  wie  man  „neben“  der  Familie  noch  etwas  anderes  treiben
könne.  Sie  sind  auch  diejenigen,  welche  die  Sprechzimmer  der  Arzte  füllen;
denn  sie  sind  fast  ausnahmslos  „nervös“  oder  „leidend“,  haben  immer  neue
Wünsche  und  neue  Zustände,  sind  selbst  selten  zufrieden  und  machen  auch
andere  nicht  zufrieden.

Die  gesündesten  Berufsarten  sind  jene,  die  Geist  und  Körper  in
gleicher  Weise  beschäftigen  und  uns  vor  einseitiger  Anstrengung  bewahren.
Aber  auch  von  anstrengenden  Berufsarten  kann  manche  jahrelang  schadlos
ertragen  werden,  wenn  eine  im  übrigen  hygienische  Lebensweise,  Sportsübungen
  usw.  beachtet  werden  und  nicht  schon  organische  Fehler  vorliegen.
So  muß  eine  Frau,  die  mit  den  Augen  viel  leisten  muß,  für  gute  Beleuchtung
  sorgen,  wenn  nötig  für  passende  Augengläser  (also  Untersuchung
durch  den  Augenarzt);  sie  muß  Ruhestunden  einhalten,  weitere  Spaziergänge
  machen,  radfahren  oder  rudern,  um  einmal  andere  Muskelgruppen  in
Bewegung  zu  setzen,  und,  wo  sie  kann,  den  Genuß  frischer  Luft  sich  verschaffen
  usw.  Wer  viel  sitzen  muß,  soll  auf  häufige  Unterbrechung  dieser
Ruhe  bedacht  sein,  und  sei  es  auch  nur,  um  drei  Minuten  lang  an  einem
offenen  Fenster  Atemübungen  zu  machen.  Unzählige  Uterus-Myome  (Muskelgeschwülste
  an  der  Gebärmutter)  hätten  sich  nicht  entwickeln  können,  wenn
die  betreffende  Schneiderin  oder  Schreiberin  zehn  Jahre  vorher  ihre  kalten
Füße  mittelst  durchlässigen  Schuhwerks  und  Fußbäder,  ihren  stockenden
Blutlauf  durch  Atemübungen,  ihre  nie  weichende  Stuhlverstopfung  statt
durch  Pulver  und  Pillen  mit  Bergsteigen,  Obstdiät  und  Bauchmassage  bekämpft
  hätte.  Und  so  anderes  mehr!  Man  nütze  nur  die  zur  Verfügung
stehenden  freien  Stunden  besser  aus,  man  führe  sachte,  aber  konsequent,
in  Arbeitsräumen  bessere  hygienische  Verhältnisse  ein,  und  manches  wird
erreicht  werden!

Die  für  gesunde  Mädchen  von  durchschnittlicher  Befähigung  besten
Berufsarten  sind:  landwirtschaftliche  (Gärtnerei,  Milchwirtschaft),  häusliche
und  kaufmännische;  der  Lehrberuf,  das  Kunstgewerbe  bieten  mannigfaltige
Betätigung,  die  mit  Maß  betrieben  und  bei  sonstiger  vernünftiger  Lebensführung
  keineswegs  den  Organismus  zugrunde  zu  richten  brauchen.  Doch
wähle  man  stets  nach  vorhandener  Befähigung  und  Neigung,  niemals  nur
nach  äußeren  Vorteilen.  Ein  Mädchen  zur  Lehrerin  machen,  das  sich  nur
seufzend  fügt  und  das  größte  Interesse  für  Ställe,  Hunde  und  Haushaltung
  hat,  ist  ein  schwerer  Fehler,  der  sich  bitter  rächt.  Das  gibt  dann
diese  lebensmüden,  matten  Lehrerinnen,  die  alle  Well  bedauert  und  die
ihren  Platz  doch  nie  ausfüllen,  da  sie  am  falschen  Berufe  kranken.  Ebenso
unsinnig  ist  es,  ein  Mädchen  zur  Landwirtschaft  zu  zwingen,  dessen  Sinn
nach  feinen  Formen,  schönen  Farben  geht  und  das  im  Zeichnen  höchstes
Glück  findet.  Ein  solches  Mädchen  gehört  nicht  in  den  Stall;  es  soll  Porzellanmalerin
  werden.