522  Blasenlähmung.

Ist  aber  nur  der  Schließmuskel  gelähmt,  dann  geht  der  Harn  tropfenweise
und  unwillkürlich  ab.

Mädchen  und  junge  Frauen  entleeren  aus  Anstandsrücksichten  oft  halbe
Tage  lang  die  Blase  nicht;  durch  ihre  Größe  und  Schwere  drückt  sie  dann
die  Gebärmutter  nach  hinten  und  kann  bei  vorhandener  Schlaffheit  Ursache
einer  allmählich  entstehenden  Knickung  und  Verlagerung  derselben  werden.
Niemals  darf  die  Zurückhaltung  des  Harns  schmerzhaft  werden,  und  leidet
man  an  einer  gewissen  Blasenschwäche,  indem  man  ihn  nie  lange  halten
kann,  dann  vermeide  man,  auf  Ausflügen  und  dergleichen  treibende
Flüssigkeiten  wie  Tee,  Bier  oder  Kaffee  zu  genießen  und  sorge
in  passender  Weise  für  rechtzeitige  Entleerung.  Wer  übrigens
keinen  Alkohol  genießt,  hat  viel  weniger  mit  derlei  häßlichen
Übelständen  zu  kämpfen.

Daß  sie  häßlich  sind,  wird  jedermann  zugeben,  der  sich  der
entsetzlich  riechenden  Pissoirs  in  Gastwirtschaften  erinnert,  die  oft
so  gelegen  sind,  daß  jeder,  der  eintritt,  an  ihnen  vorbei  muß.
Hört  man  in  der  Gaststube  die  johlenden  und  trinkenden  Männer
und  bemerkt  man  dann  ihre  unausgesetzte  Wanderung  zu  dem
ekelhaften  Ort  außerhalb  derselben,  dann  wird  es  jedem  ruhigen
Beobachter  klar,  daß  das  „Trinken“  doch  nur  eine  vollständig
überflüssige  Anstrengung  des  Magens,  der  Niere,  der  Blase
bedeutet,  und  daß  viel  schwer  erworbenes  Geld  nur  deshalb  in

die  Taschen  des  Wirtes  fließt,  damit  da  draußen  sich  Tonnen
und  Gruben  füllen.  Dies  zu  vermeiden,  liegt  in  der  Hand  eines
jeden  Vernünftigen!

0  Behandlung.  Vorübergehende  Lähmung  wird  durch  warme
Anwendungen  bald  behoben,  ebenso  die  durch  Überanstrengung
der  Muskeln  beim  „Verhalten“  entstandene.  Ruhe  und  ungestörte
Entleerungen  führen  bald  zu  normalem  Zustand.  Katheter  werde  ganz  selten
und  unter  allen  Vorsichtsmaßregeln  nur  vom  Arzte  angewendet.  Thermische
Einwirkungen  sind  besser  als  Katheter.

Bei  tieferen  Störungen  wende  man  Wechselduschen  auf  den  Beckenboden
  und  die  Blasengegend  an,  also  40%  und  15°  C.  abwechselnd,  ferner
Erschütterungs=  und  Streichmassage  des  Rückens  und  Bauches,  auch  einzelne
gymnastische  Ubungen,  welche  die  unteren  Becken=  sowie  Bauchmuskeln  üben,
wie:  Kniespreizung  mit  Widerstand,  Hebung  des  Beckens  usw.  Besonders
wirksam  ist  erstere,  doch  bedarf  es  dazu  geübter  Personen.  (Siehe  Fig.  305.)

Katheter  sind  gebogene  Metallröhren,  wie  sie  Fig.  304  zeigt,  welche  in
die  Blase  eingeführt  werden;  neigt  man  ihr  äußeres  Ende,  so  fließt  der  Harn
aus,  und  es  tritt  sofort  Erleichterung  ein.  Ist  der  Katheter  nicht  absolut  rein,
so  kann  seine  Einführung,  besonders  bei  Wöchnerinnen,  Entzündung  der
Blase  oder  der  Harnröhre  hervorrufen.  Seine  Anwendung  ist  bei  der  Frau

G—

Fig.  304.
Katheter.