536  Blutzersetzung  —  Brand.

werden  neue  Lebensströme  geweckt  durch  äußere  Einflüsse  (hier  durch  die
Hand  des  Arztes,  die  vielleicht  elektrische  Ströme  seines  Gehirns  überträgt),
so  ist  es  wohl  zu  denken,  daß  der  Blutzufluß  nachläßt,  daß  Blutgerinnung
entsteht  und  daß  eine  Art  Ablenkung  von  der  blutenden  Wunde  zustande  kommt.

Leider  sind  solche  Vorgänge,  die  sich  zu  allen  Zeiten  abspielten  und
früher  stets  den  Stoff  zu  Wundergeschichten  lieferten,  wissenschaftlich  noch  nicht
ganz  klargestellt.  Unrecht  wäre  es  jedoch,  sie  deshalb  bestreiten  zu  wollen.

Blutzersetzung.  Wenn  Fremdstoffe  ins  Blut  eindringen,  welche
seine  Zusammensetzung  verändern,  wodurch  die  Ernährung  des  ganzen  Organismus
  sofort  beeinflußt  wird,  so  spricht  man  von  „Blutzersetzung“.  Dieselbe
  tritt  durch  Vergiftung  ein,  wenn  durch  den  Magen  dem  Blute  Gifte
zugeführt  wurden,  ebenso  durch  krankhafte  Stoffe,  welche  infolge  gestörten
Stoffwechsels  nicht  ausgeschieden  wurden,  sondern  sich  anhäuften,  bis  sie
plötzlich  in  die  Blutbahnen  durchbrachen:  so  beim  „Eiterfieber“  oder  allgemeiner
  bei  „Sepsis“  (Fäulnis),  nachdem  längere  lokale  Erkrankungen
vorangegangen  waren;  bei  Arzneivergiftungen,  Harn=  und  Leichenvergiftungen
  und  sogenannten  „Selbstgiften“,  die  sich  oft  auf  noch  nicht
nachgewiesene  Art  im  Organismus  entwickeln.  Auch  durch  Bisse  und  Stiche
giftiger  Tiere  kann  Blutzersetzung  eintreten.  Mitunter  tritt  Fieber  dabei
auf,  oft  aber  auch  nur  Schläfrigkeit,  dann  allgemeiner  Verfall  und,  wenn
kräftige  Anwendungen  nicht  rechtzeitg  eingreifen,  auch  sehr  rasch  der  Tod.
In  Erkenntnis  dieser  Tatsache  werden  viele  Amputationen  in  Ermangelung
anderer  Rettungsmittel  ausgeführt.

Behandlung.  Heißluftbäder  oder  heißes  Vollbad  mit  nachfolgender
  Trockenpackung,  um  kräftigen  Schweißausbruch  zu  erzielen,  ist
das  erste,  was  man  anwenden  muß;  unter  Umständen  Klystiere,  Kopfkühlung
durch  kalte  Aufschläge  oder  Begießung  bei  Besinnungslosigkeit;  nur  Früchte
als  Nahrung,  offene  Fenster,  kühle  Rückenbegießung.

Brand  (Nekrose).  Krankes  Gewebe,  das  keinen  Kreislauf  der  ernährenden
  Körpersäfte  mehr  hat,  „stirbt  ab“,  es  wird  nekrotisch,  „brandig",  wie  man
im  Volke  sagt.  Der  betroffene  Körperteil  verändert  seine  Farbe,  wird  kalt
und  empfindungslos;  er  zerfällt,  fault  und  riecht  schlecht.  Ist  der  Organismus
gesund  und  kräftig,  so  stößt  er  den  abgestorbenen  Teil  ab,  indem  sich  eine
Grenzlinie  bildet,  die  sich  entzündet.  Bei  einem  geschwächten  oder  alten
Menschen  aber  wird  ein  solcher  Gewebszerfall  leicht  die  Ursache  des  Todes.
Bei  starken  Verwundungen,  besonders  Quetschungen,  bei  alten  Eiterungen,
auch  als  Alterserscheinung  usw.,  hört  der  Zufluß  des  Blutes  zuweilen  auf,
und  darnach  tritt  „Brand“  ein,  ebenso  bei  Verstopfung  einer  Arterie  und
bei  zu  lange  liegengebliebenen  Druckverbänden.  Man  unterscheidet  heißen
und  kalten  Brand,  je  nach  vorhandenem  Fieber.  (Siehe  Fig.  297.)

Behandlung.  Gelingt  es,  durch  Wasserbehandlung  die  Zirkulation  gut
im  Gange  zu  erhalten,  so  kann  kein  Brand  eintreten.  Ist  es  aber  infolge  anderer