Diphtherie.  571

Ein  anfangs  weißlicher,  fetziger,  in  einigen  Tagen  graugelber,  schmutziger
Belag  von  mitunter  üblem  Geruch  bedeckt  Mandeln,  Zäpfchen  und  Rachen,
zieht  sich  in  lebensgefährlichen  Fällen  auch  nach  dem  Kehlkopf  (siehe  „häutige
Bräune“)  und  bedroht  dann  die  Atmung.

Die  Diphtherie  verläuft  mit  sehr  heftigem  oder  ganz  leichtem  Fieber
und  tritt  auch  gerne  im  Anschluß  an  Scharlach  auf.  Man  unterscheidet
leichte  und  schwere  Erkrankungsformen  der  Diphtherie,  muß  aber  bei  dem
tückischen  Charakter  der  Krankheit  stets  gewärtig  sein,  daß  aus  einem  leicht
beginnenden  Fall  ein  schwerer  werden  kann.  Die  ersten  Anzeichen  der  Krankheit
  sind:  allgemeine  Mattigkeit,  verminderte  Eßlust,  mehr  oder  minder
Schlingbeschwerden,  Erbrechen,  Kopfschmerz,  Fieber,  zuweilen  Irrereden  der
Kinder;  bei  Verschlimmerung  des  Zustandes  treten  Frostanfälle,  Nasenbluten,
zunehmende  Gleichgültigkeit,  Atemnot  ein.  Herzlähmung  führt  zum  Tode.
Nierenentzündungen,  Mittelohrerkrankungen,  Lähmung  der  Schlundmuskulatur,
des  Kehlkopfes,  selbst  der  Augenmuskeln  sind  nicht  seltene  Begleiterscheinungen
und  werden  als  „Nachkrankheiten“  bezeichnet.  Bei  schweren  Epidemien  werden
Kinder  oft  in  3—4  Tagen  hinweggerafft.

In  nebeliger  tiefliegender  Gegend  gedeihen  die  Diphtheriekeime  am  besten,
Kinder  mit  großen  Mandeln,  häufigen  Katarrhen  in  den  Luftwegen  verfallen
dieser  tückischen  Krankheit  leichter,  ebenso  wenn  sie  an  schlechter  Verdauung  und
ungesunder  Blutbeschaffenheit  leiden.  Wer  Kinder  nach  unseren  Grundsätzen
pflegt  und  ernährt  und  sie  in  Erkrankungsfällen  darnach  behandelt,  wird  selten
Mißerfolg  erleben,  obwohl  es  unter  allen  Verhältnissen  einzelne  traurige
Jälle  gibt,  wo  Menschenhilfe  ohnmächtig  bleibt.  Daher  sieht  man  die  meisten
Kinder  in  sonnenlosen  Hofwohnungen  erkranken,  bei  Kartoffel=  und  Kaffeenahrung,
  nicht  minder  aber  auch  bei  verweichlichender  Erziehung  und  reicher
Fleischkost.

Die  Diphtheriesterblichkeit  zu  vermindern  ist  das  heiße  Bemühen  der
ganzen  Aerztewelt.  Die  Erfahrungen  haben  bewiesen,  daß  die  physikalischdiätetische
  Heilmethode  große  Erfolge  hat,  d.  h.  nur  bei  sorgfältiger  ärztlicher
Ueberwachung  und  wenn  alle  ärztlichen  Forderungen  erfüllt  werden  konnten.
Um  die  Frauen  einigermaßen  zur  Beurteilung  der  Halskrankheiten  ihrer  Angehörigen
  anzuleiten,  haben  wir  eine  Farbentafel  ausgearbeitet,  deren  genaue
Betrachtung  praktische  Anhaltspunkte  gibt.  Wir  machen  jedoch  darauf  aufmerksam,
  daß  einfache  Rachenentzündung  und  Mandelentzündung  oder  Mandelgeschwür
  und  beginnender  diphtheritischer  Belag  oft  nicht  von  einander  zu
unterscheiden  sind  und  daß  ärztlich  nicht  gebildete  Personen  auf  ihr  Urteil
sich  nicht  verlassen  können.  Bei  einzelnen  Personen  ist  die  Oberfläche  der
Mandeln  sehr  uneben  und  ausgebuchtet;  in  diesen  Buchten  stecken  zuweilen
weißliche  Pfröpfe,  die  andere  Zustände  vortäuschen  können.  Sie  entstehen
durch  unschuldige  Ausschwitzungen,  die  bei  gewöhnlicher  Mandelentzündung
sehr  oft  auftreten;  graue  Schleimmassen,  recht  fest  anhaftend,  sind  bei  Rachen-