582  Einheit  in  der  Heilkunde.

Falle  es  meist  Folge  mangelhafter  Blutzirkulation  ist;  denn  kräftiges  Reiben
des  Gliedes  oder  das  Handauflegen  einer  anderen  Person  bringen  meist
rasche  Besserung.  Sehr  blutarme  Personen  mit  wenig  Eigenwärme,  auch
Herzkranke  leiden  oft  daran.  (Siehe  „Ameisenkriechen“.)

Einbeit  in  der  Heilkuncle.  Gegenwärtig  ist  die  Vielheit  der
Heilsysteme  so  groß,  daß  mancher  Leidende,  der  sich  selbst  die  für  ihn  anscheinend
passendste  aussuchen  wollte,  kopfschüttelnd  und  entmutigt  die  Hände  sinken  läßt,
weil  er  zuletzt  nicht  mehr  zu  entscheiden  vermag,  wo  Wahrheit  noch  erhalten
blieb  und  wo  Irrtum  beginnt.  Es  ist  auch  auf  den  ersten  Blick  überraschend,
zu  sehen,  wie  viele  Heilmethoden  Ansehen  und  Tausende  von  Anhängern  be—
sitzen;  ja,  es  wirkt  verblüffend,  gelegentlich  zu  erkennen,  daß  sogar  verschiedene
Methoden  eine  und  dieselbe  Krankheit  zur  Heilung  führen.  Wie  ist  dies
einigermaßen  zu  erklären?  Das  Erstaunen  über  Heilerfolge  wird  sich  sofort
mindern,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  daß  in  jedem  noch  lebensfähigen
Organismus  auch  eine  „Heilkraft“  wirkt,  d.  h.  daß  sich  neben  den  schädlichen
Kräften,  die  das  Bild  der  „Krankheit“  geben  (z.  B.  entstandene  Selbstgifte,  zu
kohlensäurereiches  Blut,  das  sich  staut  usw.),  auch  Gegenkräfte  einstellen,  welche
einen  inneren  Kampf  mit  ersteren  eingehen.  Diese  Heilkraft  führt  immer  zur
Heilung,  wenn  die  schädlichen.  Kräfte  nicht  zu  starke  sind,  oder  nicht  zu  viel
hemmende  Einflüsse  von  außen  auf  den  Kranken  einwirken.  Daher  kann  er
tatsächlich  allerlei,  sogar  Gegensätzliches  in  gutem  Glauben  an  seine  Heilung
gebrauchen,  heute  ein  Pflaster  auflegen,  morgen  giftige  Pillen  schlucken,  heute
Blut  abzapfen  lassen,  morgen  Abführmittel  nehmen  und  anderes  mehr;  er
wird  unter  allen  Umständen  gesund,  solange  seine  sogenannten  „Heilmittel“
  nicht  noch  schädlicher  für  sein  Bestehen  sind,  als  die  in  ihm  wirkenden
feindlichen  Kräfte.  Sicher  ist  auch,  daß  viele  der  üblichen  „Heilmittel“  eine
anregende,  reizende  Wirkung  auf  den  Organismus  ausüben,  ob  es  nun
homöopathische  Gaben  sind,  ob  kalte  Güsse,  ob  Baunscheidtismus  oder
anderes.  Das  Wesentliche  in  der  Wirkung  ganz  verschiedener
Anwendungen  ist  großenteils  nur  der  Reiz  auf  Nerven  und
Gefäße.  Daher  also  der  Erfolg!

Wird  der  Kranke  aber  in  günstige  Verhältnisse  gebracht,  z.  B.  in  reinste
Waldluft,  mit  prächtigem  Quellwasser  erquickt,  mit  Wurzeln  und  Waldbeeren
genährt,  so  macht  die  Heilung  merkwürdige  Fortschritte,  von  welchen  gar  oft
berichtet  wurde;  denn  —  es  fehlten  jene  schädlichen  äußeren  Einflüsse,  die
im  städtischen  Familien=  sowie  im  Krankenhause  ungezählte  Opfer  fanden:
die  vergiftete  Luft,  die  schädliche  Nahrung.

Je  nach  Klima,  Kultur  und  Landessitten  sind  auch  die  Volksheilmittel
verschieden.  Die  wissenschaftliche  Heilkunde  in  Europa,  die  nach  tiefster
Erkenntnis  aller  Krankheiten  strebt  und  durch  das  erkannte  Wesen  einer  Krankheit
  auch  ihr  einzig  richtiges  Heilmittel  zu  finden  hoffte,  beherrscht  unsere  Zeit.
Sie  hat  es  weit  in  der  Erkenntnis  der  Krankheiten  gebracht,  noch  nicht  aber