Einpackung.  583

auch  in  der  Entdeckung  ihrer  Heilmittel;  denn  die  Durchforschung  großer
Wissensgebiete  zur  Begründung  und  Erklärung  krankhafter  Erscheinungen  hat
ihre  Jünger  so  verbraucht,  daß  ihnen  Zeit  und  Sinn  für  die  praktische  Heilkunde,
  für  das  „Hilfebringen“  nahezu  verloren  gegangen  ist.  Daher  entwickelte
sich  neben  der  staatlichen,  wissenschaftlichen  Heilkunde  eine  Volksheilkunde,
welche  ursprünglich  keine  wissenschaftlichen  Grundlagen  erstrebte,  aber  desto
mehr  auf  Erfahrung  sich  stützte  und  nur  Unterstützung  des  natürlichen  Heilbestrebens,
  das  jedem  Organismus  mehr  oder  minder  innewohnt,  im  Auge
hatte.  Schaffung  guter  Lebensbedingungen  (Luft,  Ernährung,  Sonne,  Wasser.)
ist  ihre  Hauptaufgabe,  daher  lehrt  sie  die  eigentliche  Volkshygiene,  Reinlichkeit
  innen  und  außen  und  Kampf  gegen  alle  Feinde  der  Gesundbeit.

So  wie  die  staatliche,  wissenschaftliche  Heilkunde  strebt  auch  die  praktische
Volksheilkunde  nach  Wahrheit;  sie  müssen  sich  an  gewissen  Punkten  also
treffen  und  sogar  streckenweise  den  gleichen  Weg  gehen.  Das  wird  immer  mehr
der  Fall  sein,  je  wissenschaftlicher  letztere  und  je  praktischer  erstere  wird.

Wer  unseren  Betrachtungen  gefolgt  ist,  wer  das  springende  Moment
der  verschiedenen  Heilsysteme  einigermaßen  erkannt  hat,  wird  sich  jetzt  nicht
mehr  über  die  erwähnten  auffälligen  Erscheinungen  wundern.  Eine  gewisse
Einheitlichkeit  besteht  in  allen  Erscheinungen  des  Lebens,  daher  auch  in  den
Außerungen  der  Krankheiten;  je  mehr  diese  Einheitlichkeit  erkannt  ist,  desto
mehr  wird  man  auch  Einheit  in  der  Heilkunde  erstreben  und  das,  was  schon
lange  davon  besteht  und  oft  verkannt  wird,  des  verwirrenden  Ballastes  entkleiden
  und  ins  volle  Licht  setzen.

Einpackung.  Man  unterscheidet  beruhigende,  abkühlende,  erhitzende
  und  erregende  Packungen.  Die  abkühlenden  Ganz-und  Teilpackungen
werden  mit  kühlem  Wasser  und  auf  kurze  Zeitdauer  bei  Fieber  oder  Erregungszuständen
  angewendet;  die  erwärmenden  um  Schweiß  zu  erzengen,  im
Körper  Gebundenes  zu  lösen.  Sie  dauern  eine  bis  zwei  Stunden,  werden
durch  Anlegen  von  künstlichen  Wärmequellen  in  ihrer  Wirkung  erhöht  (Dampfkruken)
  und  finden  daher  sowohl  für  den  ganzen  Körper  als  auch  für  einzelne
Körperteile  Anwendung.

Man  führt  sie  aus,  indem  man  auf  eine  größere  wollene  Decke  ein  kleineres
nasses  Tuch  aus  Baumwolle  oder  besser  aus  Rohseide  legt,  den  Kranken
darein  einschlägt  und  dann  die  wollene  Decke  so  um  ihn  legt,  daß  die  Ränder
an  seinen  beiden  Seiten  untergestopft  werden.  Am  Halse  legt  man  die
Tücher  sorgfältig  in  Falten,  so  daß  Abschluß  erzielt  wird,  das  Kinn  freibleibt
und  die  übereinanderliegenden  Tuchdecken  nicht  drücken.  Dann  gibt  man,
wenn  man  erwärmen  will,  dicke  Decken,  besser  aber  noch  Federbetten  auf
den  Kranken,  versäumt  niemals  eine  Wärmeflasche  an  die  Sohlen  zu  legen
und  läßt  ihn  nun  ruhig  dunsten.  (Siehe  „Bettdampfbad".)

Will  man  den  Kranken  abkühlen,  so  wickelt  man  ihn  weniger  fest  und  bedeckt
auch  nicht,  wiederholt  aber  halb=  bis  einstündige  Packungen  mehrmals  des  Tages.