Fettsucht.  613

Eine  lustige,  fette  Frau,  rund  wie  eine  Kugel  und  beweglich,  stets  mit  prächtigstem
  Appetit  begabt  und  von  160  Pfund  Leibesgewicht,  mußte  morgens
früh  heraus,  sofort  in  die  Wanne,  wo  sie  ein  Halbbad  mit  Frottierung  und
Abkühlung  von  33  bis  2400.  erhielt;  dann  mußte  sie,  statt  gemächlich,  wie  gewohnt,
  am  schön  gedeckten  Frühstückstisch  zu  sitzen,  den  nahen  Berg  ersteigen,
von  dem  sie  erst  nach  anderthalb  Stunden  heimkehrte,  natürlich  schimpfend,  daß
man  sie  so  lange  hungern  lasse,  aber  doch  frisch  und  gut  aufgelegt.  Dann  gab
es  endlich  was  zu  essen,  aber  nicht  etwa  Kaffee  und  Buttersemmeln,  sondern
Beerenobst  (oder  anderes)  mit  trockenem  Schrotbrot;  dann  ließ  man  ihr  ein
Weilchen  Ruhe.  Um  elf  Uhr  begann  das  Turnen,  das  mit  Freiübungen  anfing
  und  zu  Gerätübungen  aufstieg.  Mittags  erhielt  sie  täglich  reichlich  grünen
Salat  mit  Zitronensaft,  etwas  mageres  weißes  Fleisch  (Fisch,  Geflügel,  Kalb),
ein  gedämpftes  Gemüse,  eine  Körnerfrucht  (Reis,  Hafergrütze,  Hirse,  Buchweizen,
Sago,  Grieß  in  trockener  bröseliger  Form,  wohlschmeckend,  aber  mit  sehr  wenig
Butter  zubereitet),  dann  ein  Kompott  mit  Natursüße.  Um  vier  Uhr  wurde  abwechselnd
  Ober=  und  Unterkörpermassage  ausgeführt  und  einmal  Sitzbad,  von
320  bis  22°  C.  abgekühlt,  fünf  Minuten,  am  nächsten  Tage  ein  Schenkelguß
etwa  18°  C.  gegeben,  worauf  ein  Spaziergang  oder  Spiele  im  Freien,  die
erhitzten  und  anstrengten,  folgten.  Zweimal  wöchentlich  mußte  sie  im  Heißluftbad
  tüchtig  schwitzen  an  Stelle  der  letzigenannten  Anwendungen,  und  zum
Abendbrot  gab  es  nur  rohe  Wurzeln  (Möhren,  Kohlrabi,  Rettiche  usw.),  Salat,
Schrotbrot,  Sauermilch  oder  Quark  (Magerkäse)  in  kleinen  Mengen.  Bei
solcher  Lebensweise  verlor  die  Frau  wöchentlich  drei  bis  vier  Pfund;  sie
fühlte  sich  immer  leichter  und  kräftiger,  verlor  das  Keuchen  und  die  übertriebene
  Lustigkeit  (nur  Nervosität!)  und  fing  nach  sechswöchiger  Kur  trotz
ihrer  48  Jahre  zu  radeln  an.  Sie  konnte  nun  mit  Seelenruhe  den  nächsten
Jahren  entgegensehen,  denn  sie  war  jetzt  „gesäubert"  und  von  prächtiger
Gesundheit.  Man  trug  ihr  aber  auf,  sowie  sich  ein  Anwachsen  des  Fettes  bei
gemächlicher  Lebensweise  wieder  bemerkbar  mache,  sofort  die  erfolgreiche  Kur
zu  wiederholen.  Schmale  Kost  und  tägliches  Radfahren  dürften  sie  jedoch
lange  davor  bewahren.

Bei  Herzschwachen  und  Verdauungskranken  ist  die  Behandlung  viel
schwieriger.  Man  muß  äußerst  vorsichtig  vorgehen,  darf  es  nie  zu  anhaltenden
Schwächeanfällen  kommen  lassen  und  nach  keiner  Seite  zu  viel  tun.  In
solchen  Fällen  muß  die  Kur,  will  man  überhaupt  etwas  erreichen,  zwei  bis
drei  Monate  dauern.  Immer  muß  der  Erfolg  allgemeine  Kräftigung,  Blutverbesserung
  und  allmähliche  Gewichtsabnahme  sein.

Leider  gibt  es  Fälle,  wo  das  angesammelte  Fett  nicht  weicht  und  wankt,
wo  energische  Anwendungen  der  vorhandenen  Herzschwäche  wegen  unmöglich  sind
und  wo  daher  trotz  aller  Bemühungen  keine  Gewichtsabnahme  erzielt  wird.
Dann  ist  Erhaltung  der  Kräfte  erste  Bedingung  und  Einhaltung  einer  Lebensweise,
  die  wenigstens  eine  Zunahme  des  Fettes  verhindert  und  einen  besseren