Fruchtbarkeit.  629

helfen  und  hat  die  moralische  Pflicht,  sobald  Mutter  und  Kind  gefährdet
scheinen,  eine  künstliche  Frühgeburt  einzuleiten.  Die  Zukunft  wird  die  Zahl
der  Arzte  vermehren,  die  auch  im  Interesse  der  heranwachsenden  Jugend  die
Geburt  schwacher  und  kranker  Kinder  zu  verhüten  bestrebt  sind.  Möchten
vorher  aber  aufgeklärte  Frauen  sich  in  dem  Bemühen  vereinigen,  durch
energisches  Fordern  der  künstlichen  Frühgeburt  die  in  dieser  Hinsicht  noch
rückständige  Gesinnung  der  Arztewelt  im  eigenen  und  im  Interesse  unserer
Nachkommen  umzuwandeln.  Zur  Beruhigung  unglücklicher  Frauen  sei  hinzugefügt,
  daß  die  Zahl  der  einsichtsvollen  Arzte,  welche  Familienmüttern  in
diesem  Sinne  helfend  beispringen,  sich  langsam  vermehrt.

Fruchtbarkeit.  „Und  so  wuchs  immerfort  das  große  und  gute
Werk,  das  Werk  der  Fruchtbarkeit  durch  die  Erde  und  durch  die  Frau,
siegreich  über  die  Vernichtung,  für  jedes  neue  Kind  neue  Lebensmittel  schaffend,
liebend,  wollend,  kämpfend,  arbeitend  unter  Leiden,  unaufhörlich  zu  neuem
Leben,  neuer  Hoffnung  fortschreitend.  Das  Leben  setzte  seinen  unaufhaltsamen
Eroberungszug  fort;  die  Fruchtbarkeit  verbreitete  sich  unter  der  Sonne.  Die
Arbeit  schuf  unausgesetzt,  unermüdlich,  trotz  aller  Hindernisse  und  Kümmernisse,
füllte  die  Lücken  der  Verluste  aus,  goß  zu  jeder  Stunde  neue  Kraft,  neue
Gesundheit  und  Freude  in  die  Adern  der  Welt.  —  Und  sie  fuhren  fort,  zu
arbeiten,  zu  schaffen,  zu  zeugen.  Und  sie  waren  abermals  siegreich  in  dem
ewigen  Kampfe  des  Lebens  mit  dem  Tode  durch  das  fortgesetzte  Wachstum
der  Familie  und  der  fruchtbaren  Erde,  das  der  Inhalt  ihres  Daseins  war;
ihre  Freude,  ihre  Kraft,  die  göttliche  Begierde  fuhr  in  Flammenstürmen
hin,  machte  sie  fruchtbar,  gab  ihnen  Kraft  zu  lieben,  gut  zu  sein,  gesund  zu
sein;  ihre  Energie  tat  das  Übrige,  ihre  Tatfreudigkeit,  die  tapfere  Beharrlichkeit
  in  der  nützlichen  Arbeit,  die  die  Welt  aufbaut  und  in  Ordnung  hält.“
—  So  beschreibt  Zola  in  seinem  zweibändigen  Roman  „Fruchtbarkeit“  das
Leben  und  Wirken  seines  Muster-Ehepaares  Marianne  und  Mathien,  die
14  Kinder  ins  Leben  setzten,  ein  großes  Land  urbar  machten  und  schließlich
zu  einer  begüterten,  kraftvollen  und  glücklichen  Familie  von  etwa  300  Köpfen
anwuchsen,  überall  neues  Leben,  Fortschritt,  Wohlstand  erzeugend.  Im
Gegensatz  hierzu  beschreibt  er  die  Zersetzung,  das  Unglück,  welches  die  Unfruchtbarkeit
  und  die  gewollte  Verminderung  der  Geburten  in  Frankreich
erzeugt  und  die  schrecklichen  Auswüchse  dieses  Lebens  in  Paris.  Man  lese
dieses  wertvolle  Buch,  das  kostbare  Wahrheiten  schildert  und  das  Herz  mit
neuem  Mut  und  neuer  Kraft  erfüllt.  Fruchtbar  sein,  sich  ausbreiten  über
die  schöne  grüne  Erde,  ist,  weil  das  Natürlichste,  auch  das  Schönste  und
Beglückendste.  Aber  ist  es  möglich  in  unseren  Städten,  bei  den  heutigen
Bodenverhältnissen?  Nein!  Wo  der  Raum  fehlt,  das  Brot  fehlt,  dort  ist
eine  Kinderschar  das  größte  Unglück,  die  Quelle  unsagbaren  Elends.  Zuerst
andere  Bodenverhältnisse  und  Vernichtung  des  Charakters  der  heutigen
Großstädte!