652  Gehirnerkrankungen.

erregende  Bestandteile,  die  eine  augenblickliche  wohltätige  Wirkung  tatsächlich
haben,  und  so  ist  immerhin  bei  allen  auf  einen  gewissen  Erfolg  zu  rechnen.
Die  fortschrittliche  Heilkunde  aber,  die  sich  auf  bekannte  Naturkräfte  stützt,
auf  Wissen  und  Erfahrung,  kennt  keine  Geheimmittel  und  bekämpft
den  Arzneiaberglauben  überhaupt.  Die  Annahme,  daß  für  jede  Krankheit
auch  ein  besonderes  Kräutlein  gewachsen  sei,  ist  kindisch  und  paßt  in  unsere
aufgeklärte  Zeit  nicht  mehr.  Wir  haben  zwar  stets  bestimmte  chemische  und
physikalische  Wirkungen  bei  inneren  Mitteln,  sind  uns  aber  über  deren  tatsächlichen
  Einfluß  auf  den  menschlichen  Organismus  meist  recht  unklar.  Die
schmerzstillende  Wirkung  eines  Arzneimittels  bedeutet  ja  doch  keineswegs  die
Heilung  des  ursächlichen  übels!  Alle,  welche  das  Wesen  der  Krankheit  nicht
kennen,  verwechseln  so  häufig  die  Unterdrückung  der  Krankheitsäußerung
mit  deren  wirklicher  Heilung.

Gebirnerkrankungen.  Das  Gehirn  ist  das  Zentralorgan  der
geistigen  Fähigkeiten  des  Menschen;  je  höher  es  entwickelt  ist,  desto  größer
ist  seine  Leistungsfähigkeit.  Jede  kleine  Störung  seiner  Funktionen  aber,
seine  Durchblutung,  mechanische  Einflüsse  von  außen  behindern  oder  lähmen
auch  unser  Denkvermögen,  unsere  geistige  Leistungsfähigkeit.  Daher  das
Irrereden,  die  Sinnestäuschungen,  die  Bewußtlosigkeit  bei  Gehirnerkrankungen,
welche  stets  den  Eindruck  schwererer  Erkrankungen  machen  als  andere  Krankheiten,
  bei  welchen  der  Geist  frei  bleibt.  Wir  müssen  jedoch  zwei  große
Gruppen  von  Gehirnerkrankungen  unterscheiden:  zu  der  ersten  gehören  alle
jene  fieberhafter  Natur,  durch  welche  das  Gehirn  infolge  hoher  Temperaturgrade
  des  Blutes  oder  durch  vermehrten  Blutzufluß  vorübergehend
in  seiner  Tätigkeit  gehemmt  wird,  ohne  in  seinen  feinsten  Teilen  erkrankt  zu
sein,  ferner  alle  vorübergehenden  Wirkungen  von  Druck  und  Stoß,  also  bei
dußeren  Verletzungen,  bei  Gehirngeschwülsten  und  Blutungen;  zu  der  zweiten
Gruppe  gehören  jene  viel  ernsteren  Erkrankungen,  in  welchen  die  einzelnen
Zellen  gewisser  Gehirnteile  entarten  oder  schwinden  und  wodurch  eine  Reihe
von  krankhaften  Erscheinungen  entstehen,  welche  man  als  eigentliche  Geisteskrankheiten
  bezeichnet,  und  die  in  traurigster  Weise  auch  die  Seele  des
Menschen  vernichten.

Wir  besprechen  im  vorliegenden  Abschnitt  nur  die  erste  Gruppe,  die
durch  Entzündung  der  Hirnhäute,  durch  Geschwülste  in  der  Schädelhöhle,
  durch  krankhafte  Beschaffenheit  der  Gefäße  und  durch  vermehrten  oder
verminderten  Blutgehalt  entstandenen  Störungen.

Ihre  Symptome  sind  Bewußtseinsstörungen,  Verlust  der  Empfindung
an  einzelnen  Körperteilen,  Lähmungen,  Kopfschmerzen,  Gleichgültigkeit,  Schlafsucht,
  Ohrensausen,  Ohnmachten  usw.  Letztere  hat  für  das  weibliche  Geschlecht
besondere  Bedentung  und  wird  daher  unter  dem  Buchstaben  O  eingehender
besprochen.  Die  bekannte  „Kinderlähmung“  ist  nur  die  Folge  einer  übersiandenen
  Gehirnentzündung  in  den  ersten  Lebensjahren.  Plötzlicher  Blut-