662  Gift  —  Glasauge.

Gift.  Alles  was  auch  in  kleinen  Mengen  unseren  Körper  schädigt  und
stellenweise  zerstört,  sei  es  eingeatmet  oder  verschluckt,  wird  als  „Gift“  bezeichnet.
  Außer  den  durch  Nahrung  und  Arzneien  gelegentlich  aufgenommenen
Giften  sind  andere  uns  viel  gefährlicher,  da  sie  allmählich  und  ohne  unser
Wissen  in  uns  entstehen.  Es  sind  die  bei  unvollkommenem  oder  krankhaftem
Stoffwechsel  sich  bildenden  Selbstgifte,  ferner  die  Stoffwechselprodukte
der  Bakterien,  welche  nicht  nur  Fieber,  sondern  auch  heftige  Krankheiten
erzeugen.  Beide  in  uns  nicht  entstehen  zu  lassen,  ist  die  Aufgabe  einer  hygienischen
Lebensweise.  (Siehe  „Gesundheitspflege“.)  Im  übrigen  unterscheidet  man
pflanzliche,  mineralische  und  tierische  Gifte,  wie  Arsenik,  Phosphor
und  Strychnin,  Opium  usw.  Die  eigentliche  Natur  der  Selbstgifte  kennt  man
noch  sehr  wenig.  Bei  gelegentlicher  Vergiftung  z.  B.,  durch  verdorbene
Wurst  oder  durch  zufällig  verschluckte  Säuren  entstanden,  suche  man  rasches
Erbrechen  zu  erzielen  (siehe  Brechmittel),  oder  wenn  dies  heftiger  Schmerzen
wegen  bei  innerer  Verbrennung  durch  Säuren  nicht  mehr  möglich  ist,  bindende
Stoffe  zuzuführen,  z.  B.  Milch  mit  Kreide.  In  jedem  Falle  muß  schleunigst
ein  Arzt  geholt  werden,  oder  wenn  solcher  nicht  gleich  zur  Stelle  sein  kann,
laufe  man  in  die  nächste  Apotheke,  gebe  den  Zustand  genau  an  und  verlange
ein  Linderungsmittel.

Gipsverband.  Er  spielt  in  der  modernen  Chirurgie  eine  allzu  große
Rolle.  Bei  Knochenbrüchen  und  Verschiebungen  aufeinander  gehöriger  Teile
gipst  man  die  Glieder  ein,  welchen  man  durch  die  starre  Hülle  Ruhe  zur  Ausheilung
  verschaffen  will.  Daß  dadurch  Zirkulationsstörungen,  Muskelschwund,
Schmerzen  entstehen,  welche  gar  nicht  selten  bis  zum  Brand  führten,  und  daß
sie  doch  nicht  immer  genügende  Sicherheit  hinsichtlich  einer  tadellosen  Verwachsung
  bieten,  fängt  man  jetzt  an  immer  mehr  einzusehen.  Begabten  und
erfinderischen  Orthopäden,  wie  Hessing  und  Paschen,  war  es  vorbehalten,
durch  Zusammenstellung  kunstreicher  Apparate  die  Gipsverbände  ganz  überflüssig
  zu  machen  und  viel  größere  Gewähr  zur  richtigen  Verheilung  von
Brüchen  zu  schaffen.  Wer  sich  auf  diesem  Gebiete  orientieren  will,  dem  sei
Oberst  Spohrs  Büchlein  „Ueber  naturgemäße  Behandlung  von
Knochenbrüchen“,  Verlag  Steinitz,  Berlin,  warm  empfohlen.  Es  führt  uns  die
alte  und  die  neueste  Heilmethode  in  scharfer  Beleuchtung  vor  und  verdient  seiner
exakten  und  klaren  Begründung  wegen  weite  Verbreitung.  Vielleicht  verhilft  es  dem
einen  oder  anderen  Leser  zu  einem  geraden  Bein,  einer  wieder  brauchbaren  Hand!

Glasauge.  Wenn  man  durch  Verletzung  oder  Krankheit  die  Sehkraft
eines  Auges  verloren  hat,  das  nun  entstellt  ist  und  das  ganze  Gesicht  dadurch
verunstaltet,  dann  lasse  man  sich  ein  Glasauge  einsetzen.  Die  Methode  nach
Bonnet  ermöglicht  die  Erhaltung  der  Augenmuskeln,  wodurch  natürliche  Bewegung
  des  falschen  Auges  möglich  wird.  Der  Schönheitsfehler  ist  dadurch
fast  ausgeglichen,  Uneingeweihte  bemerken  kaum  die  Unechtheit  des  Auges.
Der  Patient  lernt  es  bald,  das  Auge  selbst  herauszunehmen  und  zu  reinigen.