670  Harn  —  Harnfistel.

Harn.  Man  lese  im  ersten  Kapitel  des  I.  Teiles  über  die  Harnorgane
nach.  Der  gesunde  Harn,  welcher  das  überschüssige  Wasser  des  Körpers
und  durch  den  Stoffwechsel  entstandene  und  für  den  Organismus  unbrauchbar
  gewordene  Verbindungen  enthält,  darf  weder  viel  Schleim  noch  Eiweiß
oder  Blut  oder  gewisse  Salze  in  größeren  Mengen  enthalten.  Ist  er  nach
der  Entleerung  wolkig  oder  dunkel,  hellgelb  und  schäumig  oder  spärlich  und
von  rotem  Satz,  dann  ist  er  krankhaft  und  enthält  entweder  reichlich  phosphorsaure
  Salze  oder  zu  viel  Harnsäure  oder  gar  Zucker  oder  Eiweiß  usw.  Auch
die  Menge,  die  in  24  Stunden  entleert  wird,  ist  von  großer  Bedeutung;
bei  mäßiger  Lebensweise  darf  sie  ein  bis  zwei  Liter  nicht  überschreiten,  der
Geruch  des  Harnes  darf  nicht  unangenehm  sein,  seine  Farbe  sei  schön  gelb.
Wer  auffällige  Zeichen  an  seinem  Harne  bemerkt,  der  lasse  ihn  von  seinem
Arzte  oder  in  einer  Apotheke  untersuchen,  und  ist  die  Nierentätigkeit  als  nicht
normal  befunden  worden,  dann  muß  strenge  Diät,  welche  bei  Nierenstörungen
am  sichersten  wirkt,  eingehalten  werden,  d.  h.  Fleisch,  starke  Würzen,  Alkohol
müssen  vermieden  werden.  Vorübergehende  Störungen  bei  der  Harnerzeugung
  kommen  bei  nervösen  Personen  häufig  vor,  haben  aber  nicht  viel
zu  bedeuten.

Harnblutungen.  Bei  Geschwülsten  der  Niere  und  Harrblase,  bei
eiterigem,  heftigem  Blasenkatarrh  wird  Blut  mit  dem  Harne  entleert.  Die
Untersuchung  des  Harnes  in  solchen  Fällen  seitens  des  Arztes,  um  auch  andere
Bestandteile  desselben  festzustellen,  ist  unerläßlich.  Untersuchung  der  Beckenorgane
  durch  sorgfältige  Abtastung  wird  gleichzeitig  lehren,  ob  die  Nieren
normal  sind  und  die  Blase  leer  ist.  Auch  bei  Krebs  gibt  es  starke  Blutungen.
Bettruhe,  sehr  kalter  Leibaufschlag  ist  das  erste,  was  zu  geschehen  hat.

Harndrang.  Dieser  ist  bei  Frauen  ein  sehr  häufiges  übel,  denn
er  entsteht  sowohl  durch  Druck  einer  vergrößerten  oder  verlagerten  Gebärmutter,
  sowie  durch  übertragene  Entzündungen,  als  auch  durch  Erkrankungen
der  Blase  oder  Harnröhre  selbst.  Obwohl  die  Blase  keineswegs  gefüllt  ist,  tritt
doch  oft  in  kurzen  Zwischenräumen  der  Drang  zur  Entleerung  ein,  der  dann
zu  einer  peinlichen  Plage  wird.  Behebung  der  Ursache  des  Leidens  ist  natürlich
unsere  Hauptaufgabe,  denn  beruhigende  Aufschläge  oder  anderes  wirken  nur  auf
kurze  Zeit.  Eine  drückende  Gebärmutter  muß  durch  innere  Massage  in  andere
Lage  gebracht  und  durch  Ableitung  kleiner  gemacht  werden.  Bei  Blasenkatarrh
aber,  dessen  häufigstes  Symptom  der  Harndrang  ist,  muß  die  Blase  behandelt
und  durch  Milch=  und  Obstdiät  jeglicher  Reiz  auf  sie  vermindert  werden.  Zuweilen
ist  der  Zustand  auch  nur  rein  nervös,  durch  Zusammenwirken  eigentümlicher
Umstände  entstanden,  und  verschwindet  erst  bei  Besserung  des  Allgemeinbefindens.

Hharnfistel.  Darunter  versteht  man  einen  unnatürlichen  Entleerungsweg
  für  den  Harn,  indem  dieser  sich  einen  Weg  in  eine  andere  Körperhöhle
schafft,  also  z.  B.  bei  Verwundungen  anläßlich  einer  operativen  Geburt  eine  Zer-