Harnröhrenerkrankungen  —  Harnverhaltung  —  Harnträufeln.  671

reißung  der  Scheiden=  und  Blasenwand,  wodurch  der  Harn  sich  in  die  Scheide
entleert.  Vernähung  der  falschen  Wege  und  Freimachung  der  natürlichen,
also  operatives  Eingreifen,  ist  das  Heilmittel.  (Siehe  Fig.  364  bei  „Fistel“.)

Harnrõhrenerkrankungen.  Blutungen  sowie  Schleimabgang,
Krampf,  eiterige  Entzündung  und  Polypenbildung  sind  an  der  Harnröhre
nicht  selten.  Durch  Tripperinfektion  des  Mannes  entsteht  ein  eitriger  Katarrh;
einfache  Entzündung  setzt  sich  auch  seitens  der  Blase  fort,  und  geschlechtlicher
Mißbrauch  der  Harnröhre  hat  zu  Erschlaffungen  oder  schlimmen  Reizzuständen
geführt.  Sitzbäder,  kalte  oder  heiße  Kompressen,  Ruhe,  Abtragung  des
Polypen  und  Bekämpfung  etwaiger  Stauungszustände  im  Becken  werden  je
nach  dem  vorliegenden  Zustande  angewendet.  Ohne  ärztliche  Untersuchung  und
Verordnung  kommt  man  aber  nicht  durch.

Harnruhr  (Diabetes  insipidus).  Tritt  bei  jungen  Mädchen  nicht
selten  auf.  Sie  äußert  sich  durch  unstillbaren  Durst  und  diesem  entsprechend
durch  umfangreiche  Harnausscheidung,  wobei  aber  die  Körperkräfte  nicht  immer
abnehmen.  Über  die  eigentliche  Ursache  ist  man  unklar,  nervöse  Einflüsse
stehen  jedoch  unzweifelhaft  im  Vordergrund,  denn  Gehirnerschütterung,  Schwermut,
  Schlaflosigkeit  sind  oft  dabei.

Behandlung.  Luftwechsel,  geistige  Einflüsse,  nicht  anstrengende,  aber
fesselnde  Arbeit,  Obst,  Milch,  Gemüse,  Gymnastik  oder  Bergsteigen,  warme
Kräuterbäder  werden  von  sehr  gutem  Erfolg  sein.  Liebeskummer  aber,
Nahrungssorgen,  geistige  überanstrengung,  sexuelle  Exzesse  (Onanie)  erschweren
die  Heilung.  Man  forsche  nach  solchen  Ursachen!

Harnvergiftung  (Urämie).  Wenn  der  Harn  durch  die  Niere  nicht  mehr
ausgeschieden  oder  durch  die  Blase  zurückgehalten  wird,  dann  treten  jene  giftigen
Stoffwechselprodukte  ins  Blut  zurück,  die  den  Körper  verlassen  sollten,  und  es  entsteht
  eine  „Harnvergiftung“,  Urämie.  Da  gilt  es  schleunigst  einzugreifen.  Heiße
Nierenkompressen  bringen  die  Nieren  oft  wieder  in  Funktion;  ein  Tee  von  Petersilie,
  Zinnkraut,  warme  Zitronenlimonade  wirkt  harntreibend  und  die  Nieren  anregend;
  Entleerung  der  vollen  Blase,  auch  mittelst  Katheter,  wenn  anders  nicht
möglich,  Streich=  und  Zittermassage  der  Nieren=  und  Blasengegend,  heiße  Vollbäder
  mit  kaltem  Kopfumschlag,  warme  feuchte  Wickel  darnach  verhüten  oft  schwere
Erscheinungen.  Brechreiz,  Schwindel,  auffallende  Vergeßlichkeit  und  geistige  Verwirrung,
  dann  Bewußtlosigkeit  und  Herzlähmung  sind  die  Erscheinungen  bei  Harnvergiftung,
  die  oft  als  Begleiterscheinung  anderer  schwerer  Krankheiten  auftritt.

Harnverbaltung  —  Harnträufeln.  Beides  kommt  bei  nervösen
Zuständen,  bei  Hysterie,  bei  Geburten,  bei  Gebärmutterleiden  usw.  vor.  Erstere
ist  äußerst  schmerzhaft,  erfordert  nach  Füllung  der  Blase  künstliche  Entleerung
mittelst  Katheter  und  kann  zu  den  schwersten  Erscheinungen  führen.  Warme  Behandlung
  und  Ruhe  bringen  Hilfe.  Das  Harnträufeln  entsteht  durch  Lähmung
des  Blasenschließmuskels,  bei  Druckwirkungen,  bei  großer  Reizbarkeit,  bei  Tripper,