Hypochondrie  —  Hysterie.  687

vorredet,  daß  er  fast  gesund  sei,  er  müsse  es  nur  selbst  glauben,  um  es  zu  werden,
so  hat  man  ihm  „Gesundheit  suggeriert“.  Diese  Art  Suggestion  wird  vielfach
geübt  und  kann,  wenn  sie  so  gutem  Zwecke  dient,  nur  gerühmt  werden.
Anders  ist  es  mit  dem  „Einschläfern“,  der  Willensberaubung  eines  anderen
Menschen,  die  zu  schweren  Mißbräuchen  führen  kann  und  schon  geführt  hat,
und  im  allgemeinen  Laien  verboten,  aber  auch  bei  Arzten  beschränkt  werden
sollte.  Wir  haben  bessere,  klarere  Heilmittel  als  solche  und  zweifeln  nicht
an  einer  Schwächung  gewisser  Seelenkräfte,  wenn  diese  Methode  an  ein  und
derselben  Person  zu  häufig  geübt  wird.  Auch  sind  die  durch  Hypnose  erzeugten
  Heilwirkungen  keineswegs  immer  von  Dauer.  Bei  gewissen  Geisteskrankheiten,
  wo  Hypnose  am  meisten  am  Platze  schiene,  ist  sie  leider  unwirksam,
weil  Geisteskranke  fremden  Eingebungen  unzugänglich  sinde  Arzte  und  Krankenpfleger
  aber  sollten  sich  über  die  große  Macht  einer  vernünftigen  Suggestion
klar  sein  und  sich  zum  Wohle  der  ihnen  anvertrauten  Kranken  in  ihr  üben.

Hypochondrie.  Diese  ist  ein  ernstes  Leiden,  das  nicht  nur  den
davon  Befallenen,  sondern  eine  ganze  Familie  unglücklich  machen  kann  und
oft  in  schwere  Krankheiten  übergeht.  Als  allgemeine  Verstimmung,  Schwarzseherei,
  verbunden  mit  Darmträgheit,  mangelhafter  Zirkulation,  äußert  sie
sich  und  ist  bei  Männern  häufiger  als  bei  Frauen.  Sitzende  Lebensweise,
geschlechtliche  Verluste  (Pollutionen),  geistige  überanstrengung,  Kummer  und
oft  ein  krankhaft  veranlagtes  Nervensystem  sind  die  Ursachen.  Daher  wirken
Ortswechsel,  Unterbrechung  der  Berufstätigkeit,  kräftige  Anregung  des  Stoffwechsels,
  Luftbäder  und  heitere  Umgebung  sehr  günstig  auf  den  Kranken  ein.
Niemals  werfe  man  einem  Hypochonder,  der  oft  schon  unglücklich  genug  ist,
vor,  seine  Leiden  seien  nur  eingebildete,  er  sei  überhaupt  nicht  krank.  Damit
begeht  man  doppeltes  Unrecht.  Ebensowenig  darf  man  dies  bei  Hysterie  tun.
(Man  lese  über  „Grübelsucht“  nachl)

hysterie.  Bei  diesem  Nervenleiden  wiegt  das  Krampfartige
vor,  während  beim  erstgenannten  die  krankhafte  Empfindung  vorherrscht.
Die  Hoysterie  ist  noch  nicht  vollständig  erforscht;  anatomische  Veränderungen
sind  weder  im  Hirn  noch  an  den  Nerven  deutlich  nachweisbar,  und  dennoch
sind  die  Kranken  schwer  leidend,  oft  viele  Jahre  lang,  und  nichts  scheint
ihnen  helfen  zu  können.  Man  sah  Hysterische  jahrelang  gelähmt  im  Bette
liegen,  oder  ihrer  Stimme  verlustig  gehen,  so  daß  sie  nicht  sprechen  konnten,
und  dann  plötzlich  nach  einem  starken  psychischen  Eindruck  oder  auch  ohne
äußere  Veranlassung  in  den  Wiederbesitz  ihrer  Fähigkeiten  gelangen.  In
seelischer  Hinsicht  sind  Hysterische  ganz  unberechenbare  Menschen,  mitunter
heute  Engel,  morgen  Teusel;  entweder  leiden  sie  beständig  durch  ihre  wechselvollen
  Zustände,  oder  sie  sind  unfähig,  mit  anderen  zusammenzuleben  und
malträtieren  ihre  ganze  Familie.  Aus  einem  Zusammenwirken  von  geistigen
Fähigkeiten  neben  unglücklicher  Erziehung  und  krankhafter  Nervenbeschaffenheit
setzt  sich  das  Wesen  der  Hysterie  zusammen.  Unbefriedigte  Frauen  ohne  nützlichen