Jungfrau.  693

erwähnt,  daß  das  Häutchen  bei  gewöhnlichen  Anlässen,  Fall,  Sprung,  Ausspülungen
  mit  dem  Rohr  usw.  auch  einreißen  kann,  und  daß  bei  Beurteilung
der  Tugend  eines  Mädchens  ihre  Herzensreinheit,  ihre  Gemütsbeschaffenheit
maßgebend  sind,  nicht  aber  eine  unbedeutende  Veränderung  an  ihrem  Körper.
Niedrig  denkende  Männer  haben  oft  unschuldige  Mädchen  verdächtigt  und
gekränkt,  weil  sie  nach  ihrer  Verheiratung  das  genannte  Gebilde  nicht,  wie
sie  es  sich  vorgestellt  hatten,  vorfanden.  Mitunter  soll  es  überhaupt  nur  so
spärlich  vorhanden  sein,  daß  es  gar  keines  Einreißens  bedarf.

Jungfrau.  Das  zum  reifen  Mädchen  sich  entwickelude  Kind  wird
Jungfrau  genannt.  (Außerdem  bezeichnet  man  auch  den  Zustand  der
geschlechtlichen  Unberührtheit  als  „Jungfränlichkeit“.)  Es  ist  somit  das
Alter  der  geschlechtlichen  Entwickelung,  das  seiner  körperlichen  Vorgänge
wegen  von  großer  Bedeutung  für  das  künftige  Leben  des  Weibes  ist.  In
der  Zeit  vom  vierzehnten  bis  sechzehnten  Jahre  beginnt  die  Ablösung  der
Eizellen  vom  Eierstock  und  damit  auch  die  monatlichen  Absonderungen  der
Gebärmutter.  Die  Brüste  schwellen  und  sind  oft  monatelang  sehr  schmerzhaft.
Der  Körper  nimmt  an  Fülle  und  Schönheit  zu  und  zeigt  bald  ausgesprochene
weibliche  Formen.  Die  Mädchen  verlieren  die  kindliche  Unbefangenheit,
werden  empfindlich,  schüchtern,  schwärmerisch;  wenn  sie  zur  Kränklichkeit  neigen,
auch  sentimental.  Dann  sollte  die  Mutter  nicht  achtlos  oder  ungeduldig
neben  ihnen  verweilen,  sondern  sich  als  liebevolle  und  verständige  Freundin
betätigen,  welcher  die  Mädchen  ihre  kleinen  Geheimnisse  am  liebsten  anvertrauen.
Wie  selten  ist  dies  leider  der  Fall!  An  fremde  Frauen  hängen  sich  die  in
diesem  Alter  meist  sehr  liebebedürftigen  Mädchen  mit  schwärmerischer  Liebe;
der  eigenen  Mutter  weichen  sie  aus.  Die  Schuld  liegt  nur  an  den  Müttern,
die  es  nicht  verstanden  haben,  die  jungen  Gemüter  zu  leiten  und  zu  pflegen.
Möchten  diese  Zeilen  ihnen  neue  Anregungen  geben!  Vorsichtig,  aber  offen
weihe  man  die  Mädchen  in  die  körperlichen  Vorgänge  ein,  erkläre  ihnen  das
Wesen  der  Menstruation  und  der  Schwangerschaft,  damit  sie  nicht  natürliche
Vorgänge  mit  blöder  Neugier  behandeln  statt  mit  ruhigem  Verständnis,  und
damit  sie  bald  lernen,  sich  vor  körperlicher  Schädigung  zu  bewahren.  Man
leite  sie  an,  nach  hygienischen  Prinzipien  zu  leben  und  gerade  in  der
Entwicklungszeit  körperliche  Bewegung  und  Sport  zu  treiben.  Gleich  dem
Jungen  lasse  man  auch  das  fünfzehnjährige  Mädchen  im  Freien  Ball  spielen,
schwimmen,  rudern,  radfahren,  Schlittschuh  laufen  usw.  und  verlange  niemals
anständiges  Stillsitzen,  steife  Ruhe  von  ihnen,  die  man  bei  Jungen  sehr
unnatürlich  finden  würde.  Als  „jungen  Menschen“,  der  sich  entwickeln
und  frei  betätigen  will,  behandle  man  auch  das  heranwachsende  Mädchen,
und  zwänge  es  weder  geistig  noch  körperlich  in  ein  Korsett.  Lockere  Kleidung,
ebenso  wie  freie,  schöne  Sitten,  sorgfältige  Gemütsbildung  und  nicht  einseitige
Geistesdressur,  bei  umfassender  Geistesbildung  —  das  gibt  dereinst  tüchtige,
gesunde  Mütter  und  in  jeder  Hinsicht  brauchbare  Bürgerinnen,  die  auch