748  Morphium  —  Morphinismus.

jugendliche  Individuen  von  eigentümlichem,  unzuverlässigem  Charakter,  der
Onanie  ergeben,  schwachsinnig,  mit  Veitstanz,  Stottern,  Fallsucht,  unnatürlichen
Neigungen  behaftet,  deren  Schädelbildung  ungewöhnlich  ist,  die  in  der  Familie
schwere  Sorgenkinder  sind  und  sehr  oft  ganz  verkehrt  behandelt  werden.  Sie
sollten  sich  niemals  fortpflanzen,  damit  ihre  Entartung  auf  ihr  eigenes
unglückliches  Leben  beschränkt  bleibt.  Durch  Erziehung  aber  und  durch  richtige
Körperpflege  kann  man  sie  nicht  nur  körperlich  kräftigen,  sondern  auch  zu
nützlicher  Arbeit  anleiten  und  dadurch  von  folgenschweren  Verirrungen  abhalten.
Personen,  die  keine  Familienaufsicht  haben  und  deren  Verhalten  verdächtig
erscheint,  sollen  nur  in  entsprechenden  Anstalten  leben;  niemals  sollte  man
sie  sich  selbst  und  ihren  falschen  Trieben  überlassen.

Kinder,  bei  welchen  man  derartige  traurige  Anzeichen  bemerkt,  dürfen
nie  geschlagen  werden,  weil  sie  dadurch  boshaft  und  heimtückisch  gemacht
werden,  wohl  aber  bedürfen  sie  strenger  Behandlung  neben  freundlicher  Führung.
Man  betrachte  sie  niemals  als  Verbrecher,  sondern  als  Unglückliche,  deren
moralischer  Sinn  schlechter  entwickelt  ist  als  bei  anderen,  und  man  forsche
nach  der  Ursache  ihrer  Entartung.  Man  wird  entdecken:  offene  oder  geheime
Trunksucht  des  Vaters  oder  Großvaters,  Nervenleiden  der  Mutter,  Syphilis,
Krebs  oder  Geisteskrankheiten  in  der  Familie.  Die  Ursache  der  moralischen
Verkrüppelung  ist  nicht  in  ihnen,  sondern  bei  ihren  Vorfahren  zu  suchen!
Man  lerne  daraus.

Morphium.  Es  wird  aus  dem  Opium  des  Mohnes  gewonnen  und
ist  in  der  Heilkunde  seiner  schmerz=  und  krampfstillenden  Wirkung  wegen  zu
so  hohem  Ansehen  gelangt.  Es  ist  auch  richtig,  daß  eine  Einspritzung  unter
die  Haut  von  0,03  in  verzweifelten  Fällen  Wunder  wirkt  und  mitunter  unser
letztes  Rettungsmittel  bildet,  wenn  alles  sonst  versagt.  Doch  muß  die  Anwendung
  beschränkt  bleiben,  wenn  nicht  Vergiftungszustände,  Erbrechen,  Zittern,
Sinnesschwäche,  Aufregung,  Muskelschwäche  eintreten  sollen.  Da  uns  das
Morphium,  wie  der  Alkohol,  über  Schmerzen  und  Schwäche  für  einige  Stunden
angenehm  hinwegtäuscht,  so  greift  der  an  Morphium  Gewöhnte  immer  wieder
nach  der  Spritze,  bis  er  der  Morphiumsucht  ganz  und  gar  verfällt  und
dann  ein  elendes  Dasein  führt.  Man  überlasse  also  niemals  dem  Kranken
die  Morphiumanwendungen,  sondern  stelle  ihn  unter  ärztliche  Kontrolle.

Die  Heilung  der  Morphinisten  ist  sehr  schwierig  und  nur  in  gut
geleiteten  Anstalten  möglich.  Bei  zufälligen  Vergiftungen  mit  großen  Morphiumdosen
  macht  man  kalte  Begießungen,  künstliche  Atmung  und  gibt  als
Gegengift  eine  Atropineinspritzung,  wenn  eine  Magenauspumpung
oder  ein  Brechmittel  schon  zu  spät  kommen.

Morphinismus  heißt  die  chronische  Vergiftung  durch  Morphium,
wenn  die  Sucht  nach  seiner  Wirkung  zum  Mißbrauch  desselben  geführt  hat.
Schlaflosigkeit,  Schwäche,  Energielosigkeit,  verfallenes  Aussehen  sind  seine
äußeren  Zeichen.  Anstaltsbehandlung,  damit  eine  Entziehungskur  mit