Pflaster  —  Phantasie.  771

Pflalster.  Mischungen  von  Harzen,  Wachs,  Arzneikörpern  aller  Art,
die  auf  Leinen  oder  Taffet  aufgestrichen  werden,  heißen  Pflaster.  Das  Volk
klebt  sie  an  alle  Körperteile  auf,  wo  es  Schmerz  empfindet,  und  hofft  wochenlang
  geduldig  Heilung  davon.  Daß  undurchdringliche,  unverrückbare  Auflagen
  die  Wärmestrahlung  behindern  und  daß  erhöhte  Temperatur  zuweilen
schmerzstillend  wirkt,  ist  begreiflich,  im  übrigen  ist  ihr  Nutzen  sehr  gering.
Eine  andere  Aufgabe  haben  Heftpflaster,  Zugpflaster,  aromatische  Pflaster  usw.
Ein  durchlöchertes  „Magenpflaster“  wird  von  Franen  mit  Vorliebe  gegen
Reißen  usw.  angewendet,  und  Jahnsches  Mutterpflaster  gegen  böse
Finger,  Hühneraugen  usw.  sehr  geschätzt.  Wo  man  spystematische  Wasserbehandlung
  nicht  durchführen  kann,  ist  bei  beginnenden  Eiterungen  (auch
Furunkeln  am  Rücken,  wo  Aufschläge  außer  Bett  nicht  halten)  das  Mutterpflaster
  recht  angenehm  und  wirksam.  Das  „Englische  Pflaster“  darf  in  keiner
Hausapotheke  fehlen,  da  es  reine  und  ganz  frische  kleine  Wunden  vortrefflich
schützt.  Es  bildet  eine  leichte,  undurchdringliche  Hülle  und  ist  nur  ein  Schutzmittel,
  nichts  anderes.  Die  meisten  Pflaster  sind  symptomatische  Mittel,
d.  h.  solche,  welche  die  Ursache  der  Leiden  nicht  beseitigen,  sondern  nur  auf
ihre  Symptome  günstig  einwirken.

Pfortader.  Diejenigen  Gefäße,  welche  in  die  Leber  eindringen,  oie
Leberläppchen  umspinnen  und  die  nötigen  Stoffe  zur  Bereitung  der  Galle
abgeben,  heißen  Pfortadergefäße.  Ihre  ungehemmte  Tätigkeit  ist  für  die
Funktionen  der  Leber  und  die  Verdauungsvorgänge  von  größter  Bedeutung.
Stauungen  im  Pfortadersystem  sind  recht  häufig.  Stuhlverstopfung,  Leberschwellung,
  Kopfschmerz,  Blutwallungen  usw.  sind  ihre  Anzeichen.

Pbantalie  ist  das  Vermögen  des  Geistes,  Vorstellungen  hervorzurufen
oder  schöpferisch  zu  erzeugen.  Dieses  Vermögen  kann  infolge  besonderer  Veranlagung
  stark  entwickelt  sein,  wie  bei  künstlerisch  tätigen  Menschen;  es  kann
krankhaft  ausarten,  indem  es  zügellos  oder  einseitig  wird,  oder  es  kann  verkümmern
  und  schrumpfen,  wenn  ein  hartes  Leben  frühzeitig  die  Selbsttätigkeit  der
Geistes=  und  Gefühlswelt  eines  Menschen  unterdrückte.  Die  Phantasie  schwindet
auch  in  reiferen  Jahren,  in  welchen  wir  immer  mehr  gelernt  haben,  uns  nur
nach  trockenen  Tatsachen,  nach  der  nüchternen  Wirklichkeit  zu  richten;  desto  mehr
wird  das  gelegentliche  Waltenlassen  der  Phantasie  als  heilender,  kräftigender
Einfluß  empfunden.  Nach  anstrengender  Berufsarbeit  ist  daher  das  Anhören
schöner  Musik,  das  Betrachten  edler  Bildwerke,  die  Kenntnis  eines  geistreichen
Romans  oder  nur  ein  Spaziergang  unter  anderen  Menschen  schon  belebend,
phantasieweckend,  ableitend,  daher  kräftigend  in  bezug  auf  die  zu  leistende
Arbeit.  Arzte  und  Erzieher  werden  diese  Umstände  wohl  im  Auge  behalten
und  daher  „Abwechslung“  in  solchem  Sinne  predigen.  Wo  es  sich  aber  um
ein  Überwuchern  der  Phantasie  über  die  uns  umgebende  Wirklichkeit  handelt,
dort  muß  das  entgegengesetzte  Regime  eingeführt  werden:  Zwang  zu  konzentrierter,

  systematischer  Verstandesarbeit,  Unterdrückung  des  krankhaften
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