Sinnestäuschung  —  Sitzbad.  799

gerufen,  wie  wir  sie  bei  heftigem  Schreck  oft  erlebten,  angewendet.  Ein
davon  Betroffener  muß  gute  Ruhelage  erhalten,  alle  drückenden  oder  luft—
abschließenden  Kleidungsstücke  beseitigen,  er  muß  zum  Tiefatmen  bei  offenen
Fenstern  angeregt  werden,  eine  leichte  Rückenklopfung  erhalten,  einem  frischen
Luftzug  ausgesetzt  werden,  die  Blase  entleeren,  unter  Umständen  auch  ein
warmes  Beinbad  oder  kalte  Stirnkompressen  erhalten.  Bei  nervösen  Frauen
hemme  man  den  Tränenausbruch  nicht,  denn  er  bringt  die  beste  Entspannung.

Sinnestäuschung.  Bei  Geistes=  und  Nervenkrankheiten,  auch  im
Säuferwahnsinn,  erzeugt  das  Gehirn  Reizzustände,  welche  Sinneseindrücke  vortäuschen.
  Man  sieht  Gegenstände  und  Menschen,  die  nicht  da  sind;  man  hört
Stimmen,  die  niemand
laut  werden  läßt:  das  sind

Sinnestäuschungen.
Sie  haben  geistesgestörte
Menschen  zu  den  sonderbarsten
  Taten  veranlaßt
und  müssen  daher  von  der
Umgebung  richtig  gedeutet
werden.

Sitzbacl.  Da  sich  im
Becken  die  wichtigsten  Vorgänge
  abspielen,  ist  auch  die
Beeinflussung  des  unteren
Rumpfes  durch  Wasser  von
größter  Bedeutung.  Das
sogenannte  Sitzbad,  das

Geschlechtsteile,  Blase,
Kreuzbein  und  Darm  unter  Fig.  440.  Sitzbad.

Wasser  bringt,  ist  daher

eine  viel  gebräuchliche  Badeform  geworden.  Leider  wird  sie  ost  nur  in
verkehrter  Weise  angewendet,  da  man  sich  über  die  Wirkung  der  Temperatur
  und  Zeitdauer  nicht  immer  klar  ist.  Man  merke  sich  daher  folgende
fünf  Leitsätze:

1.  Ein  kurzes  kaltes  Sitzbad  von  einer  halben  Minute  Dauer  und
10%  bis  18°  C.  wirkt  kräftig  ableitend  von  höher  gelegenen  Organen  und  eignet
sich  daher  für  Erschlaffungszustände  und  überall  dort,  wo  man  Blut  zum
Becken  zuleiten  will.

2.  Das  langdauernde  kalte  Sitzbad  dagegen  wirkt  örtlich  stark
wärmeentziehend,  wenn  es  zehn  und  sogar  zwanzig  Minuten  anhält,  und
eignet  sich  daher  für  chronische  Entzündungszustände  der  Beckenorgane.  Doch
muß  es  mit  Vorsicht  gebraucht  werden,  da  bei  Blutarmut  oder  großer
Nervenschwäche  auch  andere  unangenehme  Nebenwirkungen  sich  einstellen.