810  Syphilis.

Erscheinungen  auf  Jahre  hinaus  unterdrücken  kann,  den  Organismus  aber  nur
mit  einem  neuen  Giftstoff  durchtränkt,  der  schließlich  noch  schwerere  Krankheitserscheinungen
  hervorruft,  als  die  alte  Syphilis  hervorgerufen  hätte.  Man
übergebe  sich  einem  tüchtigen  Arzte,  welcher  überzeugter  Vertreter  der  physikalisch-diätetischen
  Richtung  ist,  und  führe  je  nach  Kräftezustand,  Krankheitserscheinungen
  und  Alter  der  Infektion  eine  systematische  Kur  durch.  Sie  wird
in  Sonnenbädern,  Packungen,  heißen  Vollbädern,  angepaßter  Diät,  Bergtouren,
unter  Umständen  in  einer  Schrothschen  Trockenkur  usw.  bestehen  und,  beizeiten
  angefangen,  in  den  meisten  Fällen  Besserung  oder  Heilung  bringen.
Ist  letztere  aber  ausgeschlossen,  so  wird  sie  wenigstens  einen  erträglichen  Zustand
schaffen  und  die  Aussicht  auf  ein  besseres
  Ende.  Auf  harten  Schanker  mache
man  feuchtwarme  Aufschläge,  die  aussaugend
  wirken  und  etwa  alle  4  Stunden
  gewechselt  werden  müssen.  Streng
vegetarische  und  flüssigkeitsarme  Kost  ist
notwendig.  Auch  die  kalte  Unterbauchwaschung
  oder  das  alte,  vielgeschmähte
„Reibesitzbad“  nach  Kuhne  hat  glänzende
Erfolge  erzielt,  so  daß  ohne  jegliche

«»  --  QuecksilberkurdauerndeHeiluugener-Fig.

  444.  Temperaturmessung  im  Mundc.  zielt  wurden.  Unter  den  warmen  Sonnenstrahlen

  Italiens  soll  Syphilis  einen  viel
leichteren  Verlauf  haben  und  gründlicher  ausheilen.  Nervenschwache  Frauen,
welche  die  Erscheinungen  der  sekundären  Syphilis  gehabt  haben,  schicke  man
zu  längerem  Aufenthalt  nach  Italien.

Hinsichtlich  der  Verehelichung  ist  den  anscheinend  anf  diese  Weise  Geheilten
  zu  raten,  mindestens  drei  Jahre  vom  Zeitpunkt  der  Ansteckung  an  zu
warten,  und  sich  während  dieser  Zeit  jeglichen  Geschlechtsverkehrs  zu  enthalten,
  da  man  nicht  feststellen  kann,  wann  die  Ansteckungs  fähigkeit
des  Zustandes  erlischt.  Mit  Bewußtsein  aber  eine  so  schreckliche  Krankheit
auf  einen  anderen  Menschen  zu  übertragen,  das  ist  ein  Verbrechen,  das
heute  unzähligemale  verübt  wird,  da  man  wohl  die  der  Prostitution  ergebenen
Frauen  daraufhin  ärztlich  untersucht,  nicht  aber  die  Männer,  welche  die
prostituierten  Frauen  benützen  und  straflos  ihre  in  liederlichem  Lebenswandel
erworbenen  schändlichen  Krankheiten  weiter  tragen.  Wer  sich  nicht  als  geheilt
betrachten  darf,  muß  auf  die  Ehe  verzichten,  denn  syphilitische  Kinder  ins
Leben  zu  setzen,  ist  auch  ein  Verbrechen.  In  zweifelhaften  Fällen  warte  man
fünf  bis  sechs  Jahre  mit  der  Verehelichung.  Während  der  sekundären  Syphilis,
also  während  der  Haut=  und  Schleimhanterkrankungen,  ist  die  Ansteckungsfahigkeit
  am  größten.  Von  Abbildungen  syphilitischer  Leiden,  wie  sie  viele
populäre  Werke  bringen,  sehen  wir  grundsätzlich  ab;  sie  gehören  in  ärztliche

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