Vergiftungen.  835

Da  sich  Säuren  und  Alkalien  gegenseitig  in  ihrer  Wirkung  aufheben,
wenn  sie  sich  verbinden,  so  sind  sie  auch  Heilmittel  für  einander.  Beispielsweise
wird  die  ätzende  Wirkung  der  Karbolsäure,  welche  alle  Schleimhäute,  die
mit  ihr  in  Berührung  kamen,  schwer  verletzt,  dadurch  aufgehoben  oder  gemildert,
  daß  man  sofort  Tiermilch  oder  Kalkmilch  reicht,  weil  diese  keine
Säuren  enthalten,  wohl  aber  Bestandteile,  die  die  Wirkung  der  Karbolsäure
ansgleichen.  (Nentralisieren  sich.)  Der  leichteren  Übersicht  wegen  führen  wir
hier  die  bekanntesten  Stoffe  und  Zusammensetzungen  an,  die  man  zu  den
„Giften“  zählt:

Säuren:  Karbolsäure,  Essigsäure,  Salpetersäure,  Salzsäure,  Schwefelsäure.

Gegenmittel:  Viel  Wasser  trinken  lassen,  um  die  Säuren  zu  verdünnen,
  weiße  Hausseife  aufgelöst,  Kalkwasser,  Sodawasser,  geschabte  Kreide,
Magnesia,  Tiermilch.

Alkalien  (Laugen):  Atzkalk,  Seifenlange,  Soda,  Ammoniak,  Salmiakgeist.

Gegenmittel:  Frischer  Zitronensaft  mit  Wasser  verdünnt,  Essigwasser,
saure  Früchte;  reichlich  Eiweiß,  gutes  Ol,  schleimige  dicke  Suppen  reichen,
um  verletzte  Stellen  der  Schleimhäute  in  der  Speiseröhre  und  dem  Magen
zu  schützen  und  zu  umhüllen.

Betäubende  Gifte  sind:  Nikotin,  Opium,  Morphium,  Tollkirsche
(Belladonna),  Schierling,  Fingerhut,  Stechapfel,  welche  aus  Pflanzen  gewonnen
  werden.

Gegenmittel  sind:  Erbrechen,  kalte  Begießungen,  Frottieren  im  Halbbade,
  warme  Klystiere,  Erwärmen  kalter  Glieder,  um  die  Zirkulation  herzustellen,
  Einträufeln  von  starkem,  schwarzen  Kaffee,  um  die  Herztätigkeit  zu  heben,
kalte  Kopfanfschläge,  auch  Atemübungen  (Syloestersche  siehe  Fig.  273  und  274)
je  nach  dem  Zustand  und  den  Erscheinungen  am  Kranken.  Bewußtlosigkeit,
schnarchendes  Atmen,  Krämpfe,  Atemnot,  Verfärbung  sind  die  angenfälligsten
Wirkungen  dieser  Gifte.  Unerfahrenen  Personen  ist  jedoch  die  richtige  Behandlung
  solcher  Kranken  unmöglich  und  es  ist  daher  die  schleunigste  Hinzuziehung
  des  Arztes  geboten.  Zu  den  betäubenden  Giften  gehören  ferner  noch
Alkohol,  Blausäure,  Zyankali,  Strychnin.

Die  Alkohol-Vergiftung.  Einen  durch  Alkohol  Vergifteten  nennt
man  einen  „Beranschten“  und  nimmt  seinen  Zustand  nicht  so  schwer,  weil  er
ja  leider  in  Stadt  und  Land  keine  seltene  Erscheinung  ist.  Der  Berauschte
liegt  bewußtlos  da,  oft  ist  er  blaurot  im  Gesicht,  schnarcht  laut  oder  ist  bei
höheren  Graden  der  Vergiftung  fast  leblos  mit  kleinem  Puls.  Will  man
ganz  sicher  gehen,  ob  es  sich  um  Alkohol  handelt  oder  anderes,  dann  berieche
man  den  Mund  des  Bewußtlosen;  denutlicher  Schnapsgeruch  entströmt  dem
Atem.  Wie  hat  man  ihn  zu  behandeln?  Man  erblicke  nicht  in  erster  Linie
einen  „Lump“,  einen  verächtlichen  Schlemmer  in  ihm,  sondern  einen  Vergifteten,
dem  man  Hilfe  schuldig  ist  und  der  von  seiner  unglückseligen  Leidenschaft

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