836  Vergiftungen.

vielleicht  noch  zu  heilen  ist.  Man  lagere  ihn  bequem,  Kopf  und  Oberkörper
höher,  wenn  er  dunkel  verfärbt  ist,  weil  dann  vermehrter  Blutandrang  zum
Kopfe  vorhanden  ist;  sieht  er  dagegen  blaß  und  verfallen  aus,  dann  lagere
man  die  Beine  höher  und  führe  auf  diese  Weise  dem  Kopfe  mehr  Blut  zu.
Sind  die  Glieder  kalt,  dann  bringe  man  sie  in  heißes  Wasser,  wodurch
Blutkreislaufstörungen  oft  schnell  beseitigt  werden;  zu  diesem  Zwecke  muß  der
Kranke  auf  einen  Tisch  gelegt  werden  und  zwar  so,  daß  die  Beine  bis  zu
den  Knien  ohne  Stützfläche  herunterhängen.  Dann  schiebt  man  mit  einem
Stuhle  den  Eimer  mit  heißem  Wasser  unter.  Ahnlich  macht  man  es  mit
den  Armen.  Eine  kalte  Herzflasche,  kalter  Kopfaufschlag  unterstützen  wesentlich.
  Lockerung  und  Beseitigung  aller  Kleidungsstücke,  offene  Fenster  auch
im  Winter  befördern  die  Abnahme  der  Benommenheit.  Vorhandenes  Er—
brechen  unterstütze  man  durch  sachgemäße  Massage  des  Magens,  damit  noch
nicht  aufgesogene  Alkoholmengen  möglichst  schnell  herausbefördert  werden.
Scheint  der  Magen  befreit  und  kann  der  Berauschte  wieder  schlucken,  dann
flöße  man  einige  Löffel  starken  schwarzen  Kaffee  ein.  Bei  starkem  Würgen
ist  eine  warme  Bauchflasche  angezeigt.  Den  eintretenden  tiefen  Schlaf  der
Berauschten  störe  man  nicht,  die  Behandlung  während  des  bekannten  „Katerzustandes“
  aber  gestaltet  sich  anders.  Man  gebe  zuerst  ein  belebendes  Halb—
bad  von  300  R.,  frottiere  den  ganzen  Körper  mit  einer  weichen  Bürste  und
mache  darnach  eine  kalte  übergießung  von  18°;  dann  treibe  man  den  Kranken
an,  einen  1—2  stündigen  Spaziergang  zu  machen  und  lasse  ihn  zuerst  nur
kleine  Mengen  frischen  Wassers  trinken.  Erst  wenn  wirkliches  Hungergefühl
eintritt,  darf  er  eine  dicke  schleimige  Suppe  und  frische  Früchte  erhalten.  Am
zweiten  Tage,  wenn  besondere  Schwächezustände  nicht  etwa  eine  Gegenanzeige
bieten,  mache  man  ihm  eine  kräftige  Schwitzpackung,  in  welcher  ein  nach
Schnaps  riechender  Schweiß  ausgeschieden  wird.  Dann  erst  wird  wirkliche
Befreiung  und  Wohlsein  eintreten  und  in  diesem  Zustande  ist  er  auch  Bekehrungsversuchen
  zugänglich.  Man  suche  sein  moralisches  Gefühl  zu  kräftigen
und  führe  ihn  einer  Guttempler-Loge  zu.

Siehe  auch  Seite  115  über  „Der  Kampf  gegen  den  Alkohol“.  Dort
finden  unsere  Leser  auch  die  Namen  und  Adressen  der  einzelnen  Logen.

Andere  Vergiftungen.  Aus  der  Behandlung  der  Alkohol-Vergiftung
ist  vieles  auch  für  andere  Vergiftungen  zu  entnehmen.  Ze  nach  den  individuellen
Verschiedenheiten  der  davon  Befallenen  sind  aber  ihre  Wirkungen  verschieden,
es  ist  daher  nicht  möglich,  eine  für  alle  zutreffende  Behandlungsart  anzugeben.
Wir  wollen  nur  noch  hervorheben,  daß  die  Phosphorvergiftung  heftiges
Erbrechen  erzeugt  und  daß  man  fettige  und  sauere  Nahrungsmittel  nicht  reichen
darf.  Als  Gegengift  wird  Magnesia  gereicht.  Wenn  der  Brechreiz  nachgelassen
  hat,  sind  schleimige,  laue  Getränke  angezeigt;  die  heiße  Bauchflasche,
naß  umhüllt,  muß  bald  gegeben  werden,  dann  auch  heiße  Rumpfpackung,
was  auch  für  andere  Vergiftungen  gilt.