876  Heilkräuter.

Kamillen  (Chamomilla).  Diese  Pflanze  ist  überall  zu  finden,  hat
einen  gewürzhaften  Geruch  und  einen  gewürzhaften  bitteren  Geschmack.  Sie
enthält  ein  dickes  ätherisches  Ol,  bitteren  Extraktivstoff,  Harz  und  einige
Salze.  Der  Tee  der  Kamille  wirkt  krampfstillend,  regt  Gefäße  und  Nerven
an  und  wird  daher  auch  als  Schwitztee  gebraucht.  Die  im  heißen  Wasser
gequollenen  Blüten  legt  man  in  Säckchen  auf  schmerzhafte  Körperstellen  oder
harte  Geschwülste.  Der  Kamillentee  ist  ein  Volksheilmittel,  das  gegen
alles  mögliche  Anwendung  findet.  Im  Übermaß  getrunken  hat  er  aber  auch
keine  wohltätige  Wirkung,  sondern  nur  eine  Überfüllung  des  Magens  mit
Flüssigkeit  zur  Folge.

Den  Lungenkräutern  rühmt  man  die  Wirkung  nach,  daß  sie  die  in
den  Luftwegen  angesammelten  Schleimmassen  zur  Ausscheidung  bringen.  Man
wendet  sie  gegen  Husten,  Lungenkatarrhe,  Asthma  usw.  an.  Selbstverständlich
wirken  die  meisten  auch  auf  die  Nieren  leicht  erregend.  Man  zählt  dazu:
Spitzwegerich,  Schafgarbe,  Lungenkraut,  Isländisch  Moos,  Eibischwurzel
  und  andere  mehr.  Bei  häufigem  Genuß  verderben  sie  den  Appetit,
empfindliche  Personen,  die  noch  Eigenwärme  besitzen,  dürsten  deshalb  von
feuchten  Packungen  besseren  Nutzen  haben.

Lungenkraut  (Pulmonaria).  Die  Pflanze  enthält  einen  laugigen
Stoff,  der  nach  dem  Volksglauben  von  Lungenfäule  bewahren  soll,  weshalb
man  gepulvertes  Lungenkraut  auf  dem  Lande  oft  dem  Rinde  eingibt.  Lungenkranke
  läßt  man  wochenlang  einen  Tee  trinken.  Näheres  ist  über  die  Zusammensetzung
  der  Pflanze  leider  nicht  bekannt.

Isländisch  Moos  (Cetraria  islandica).  Zwischen  Moos  und  Heidekraut
  wächst  es  im  Gebirge.  Es  bildet  den  Hauptbestandteil  aller  Brustteearten.
  Da  es  längst  offizinell  geworden,  hat  man  es  gründlicher  untersucht
als  irgendeine  andere  Pflanze  und  daher  einen  gallertigen  Stoff,  das
Bassorin,  und  Zetrarsäure,  welche  der  flechtenartigen  Pflanze  ihren  bitteren
Geschmack  verleiht,  gefunden.  Man  glaubt,  daß  es  vorzüglich  auf  die  Schleimhäute
  wirke,  daher  für  Lunge  und  Magen  gut  sei.  Angesammelte  zähe
Schleimmassen  verursachen  Brustkranken  große  Pein;  jedes  ungefährliche
Mittel,  das  die  Lockerung  und  Ausstoßung  des  Schleimes  befördert,  muß
uns  daher  willkommen  sein.  Fröstelnde  Nervenschwache  trinken  lieber  warmen
Tee  und  fürchten  Wasseranwendungen.

Nun  lassen  wir  eine  alphabetisch  geordnete  Besprechung  aller  bekannten
und  bewährten  Heilkränter  folgen,  welche  es  jedem  Leser  der  „Hausärztin“
ermöglicht,  selbständige  Versuche  und  Beobachtungen  zu  machen.  Nach  den
Krankheiten  geordnet,  geben  wir  ein  nochmaliges  Verzeichnis,  das  sich  zum
raschen  Nachschlagen  eignet.  Als  Warnung  dient  eine  Zusammenstellung  der
stärker  wirkenden  Pflanzen,  die  bei  unvorsichtigem  Gebrauch  auch  ernsten
Schaden  anrichten  können.