Friede  von  Tilsit.  Na  poleon  in  Dresden.  11

da  er  diesen  Embryo  eines  polnischen  Reiches  weder  einem
französischen  Prinzei  übergeben  durfte,  ohne  Rußlands  und
Osterreichs  Eifersucht  im  höchsten  Grade  zu  erwecken,  noch  auch
ihn  einem  eingebornen  Polen  anvertrauen  mochte,  der  sich
möglichenfalls  im  entscheidenden  Momente  an  Rußland  anschloß,
so  war  das  Herzogthum  Warschau  in  sächsischer  Hand  der
passendste  Ausweg,  der  sich  ihm  bot.  Leider  aber  hat  nachher
die  Rücksicht  auf  den  Besitz  dieses  zweifelhaften  Gutes  wesentlich
dazu  beigetragen,  Sachsen  in  dem  unseligen  Bunde  mit  Frankreich
  festzuhalten.

Am  17.  Juli  hielt  der  Kaiser  unter  Kanonendonner  und
Glockengeläute  durch  die  Reihen  der  sächsischen  Truppen  seinen
Einzug  in  Dresden.  Der  König  war  ihm  bis  Bautzen  entgegengefahren.
  In  den  Kirchen  wurde  Te  Deum  gesungen,
des  Abends  strahlte  die  Stadt  in  einem  Meer  von  Flammen  9.
Der  König  stiftete  während  des  kaiserlichen  Besuchs  den  Orden
der  Rautenkrone  mit  der  Devise  Providentiae  memor  „zur
Erinnerung  an  die  Zeiten,  wo  die  Vorsehung  zu  des  Regenten
und  seiner  Staaten  Erhaltung  so  kräftig  gewirkt  hatte“.
Napoleon,  der  König  von  Westfalen,  der  Großherzog  von  Berg,
der  Fürst  von  Benevent,  die  Herzöge  von  Bassano,  Friaul  und
Vicenza  waren  die  ersten,  die  ihn  erhielten.  Die  Bevölkerung,
betäubt  und  geblendet,  betrachtete  mit  stummem,  ehrfürchtigen
Staunen  den  wunderbaren  Mann.  Am  2sten  setzte  der  Kaiser,
vom  Könige  bis  Meißen  begleitet,  die  Reise  nach  Frankreich
fort.  Der  Zauber  seiner  gewaltigen  Persönlichkeit  vollendete

1)  Die  große  Ehrenpforte  auf  dem  Schloßplatz  trug  die  Inschrift:
Napoleoni  Magno  Pacificatori  —  Fridericus  Augustus  gratus  voti
compos.  Bei  der  Festvorstellung  im  Theater  sah  man  zehn  kleinere  Altäre
  mit  den  Namen  Alexander,  Miltiades,  Philipp,  Achill,  Perikles,
Cäsar,  Marcellus,  Marius,  Fabius,  Scipio;  auf  einen  großen  Altar  in
der  Mitte  schrieb  ein  Genius  den  Namen  Napoleon,  der  sofort  von  einer
großen  Sonne  erleuchtet  wurde,  während  die  andern  Namen  verschwanden.
In  der  Anrede  des  Genius  an  den  Kaiser  hieß  es:  „Was  ist  Alexanders,
was  Cäsars  überwundene  Größe?  Ein  leichter  Tropfen  Morgenthaus
in  der  Fluth  des  Oceans!  Napoleon,  Dein  Tempel  ist  die  Welt!“