170  Sachsen  während  des  Befreiungskriegs  von  1813.

geläute  durch  die  Reihen  der  in  Parade  aufgestellten  Truppen
in  die  Stadt  und  in  das  Schloß.  Am  Thore  standen  die
Abgeordneten  des  Stadtraths;  „Magistrat!"  redete  der  Kaiser
sie  an,  „Liebt  euren  König!  Seht  in  ihm  den  Retter  Sachsens!
  Wäre  er  seinem  Worte  weniger  getreu,  wäre  er  kein
so  redlicher  Bundesgenosse  gewesen,  hätte  er  sich  in  die  Meinungen
  Rußlands  und  Preußens  verstricken  lassen,  so  wäre
Sachsen  verloren  gewesen;  ich  würde  es  als  ein  erobertes  Land
behandelt  haben.  Meine  Armee  wird  durch  Sachsen  nur  durchmarschieren
  und  ihr  werdet  bald  von  den  Beschwerden,  die  ihr
jetzt  zu  ertragen  habt,  befreit  werden.  Ich  werde  Sachsen
gegen  alle  meine  Feinde  vertheidigen  und  beschützen.“  Darauf
speiste  der  Kaiser  an  des  Königs  Tafel  in  großer  Gala,  dann
aber  verlegte  er  seine  Wohnung,  um  seine  Zeit  und  die  Schönheit
  der  Jahreszeit  ganz  ungestört  genießen  zu  können,  in  ein
Landhaus  vor  dem  Thore  1).

Dieser  Umschlag  entschied  nunmehr  auch  über  das  Schicksal
von  Torgau.  Noch  am  10ten  hatte  Stein  den  General  Thielmann
  brieflich  beschworen  die  Festung  nicht  aus  den  Augen  zu
lassen,  sondern  sie  als  den  Pivot  zu  betrachten,  um  den  sich
Preußens  Existenz  drehe,  dessen  Entsatz  man  daher  vor  allem
im  Auge  haben  werde;  aber  an  demselben  Tage  erhielt  Thielmann
  an  der  Mittagstafel  sitzend  den  Befehl  des  Königs,
Torgau  dem  General  Reynier  zu  öffnen  und  die  sächsischen
Truppen  von  neuem  unter  dessen  Befehle  zu  stellen.  Ruhig
beendete  Thielmann  die  Mahlzeit,  abends  machte  er  den  Oberoffizieren
  den  Befehl  bekannt,  erklärte,  daß  er  denselben  befolgen,
seinerseits  aber  das  Commando  niederlegen  und  Torgau  verlassen
  werde;  nachdem  er  das  Commando  dem  nchstältesten
General  v.  Steindel  übergeben  hatte,  verließ  er  die  Festung

1)  Taggesell,  Tagebuch  eines  dresdner  Bürgers,  S.  110.  —
Thiers  XV,  537.  Friedrich  August  ist  später  bezichtigt  worden,  Napoleon
  verrätherischerweise  Enthüllungen  über  die  Absichten  des  österreichischen
Cabinets  gemacht  zu  haben;  der  Ungrund  dieser  Anklage  erhellt  schon
daraus,  daß  Napoleon  dergleichen  Enthüllungen  damals  gar  nicht  mehr
bedurfte.