Verfolgung  nach  Schlesien.  Waffenstillstand.  177

bis  Arnoldsmühl  vorgehend  die  feindlichen  Plänkler  zurück;
am  1.  Juni  befand  sich  Reyniers  Hauptquartier  zu  Puschwitz,
in  dessen  Nähe  das  Corps  bis  zum  6ten  stehen  blieb.

Am  4.  Juni  war  der  Waffenstillstand  zu  Poischwitz  unterzeichnet
  worden.  In  der  heitersten  Stimmung,  weil  am  Gelingen
  seiner  Entwürfe  nicht  zweifelnd,  begab  sich  Napoleon
auf  den  Rückweg  nach  Dresden,  das  er  zu  seinem  Aufenthalte
während  des  Waffenstillstandes  erkoren  hatte.  Er  nahm  seine
Wohnung  im  Marcolini'schen  Gartenpalais  zu  Friedrichstadt;
den  größten  Theil  der  Zeit  arbeitete  er  in  seinem  Cabinet
entweder  allein  oder  mit  Berthier,  hielt  im  Ostragehege
Musterungen  oder  unternahm  Ausflüge  um  die  angeordneten
Befestigungsarbeiten  zu  inspicieren  und  das  Terrain  und  die
Umgegend  für  etwa  noch  kommende  Kämpfe  zu  studieren.  Zerstreuung
  brachte  hauptsächlich  nur  das  aus  Paris  verschriebene
französische  Theater,  für  welches  im  Orangeriegebäude  des
Gartens  eine  Bühne  aufgeschlagen  worden  war;  hier,  später
auch  im  Opernhause,  spielten  Talma,  die  Mars  und  die  George
vor  dem  Kaiser,  der  königlichen  Familie  und  einem  geladenen
Publikum  1).  Um  dieses  fast  idyllische  Stillleben  in  Dresden
bildete  der  Zustand  des  Landes  einen  in  erschreckender  Weise
abstechenden  Rahmen.  Was  hatte  nicht  von  Anbeginn  des
Feldzugs  an  das  arme  Sachsen  ertragen,  auf  dessen  Fluren
das  Elend  des  Krieges  in  allen  denkbaren  Schreckensgestalten
hauste!  Zuerst  war  der  ganze  Heereszug  der  Verbündeten
hindurchgegangen,  dann  kehrten  die  Geschlagenen  auf  dem  nämlichen
  Wege  zurück,  ihnen  nach  das  verfolgende  französische
Heer,  zuchtlos  und  raubsüchtig,  jedes  Dorf,  das  es  berührte,
plündernd,  das  Vieh  wegführend,  die  Einwohner  mißhandelnd,
was  nicht  fortzuschleppen  war  muthwillig  zerstörend.  In  den
Tagen  der  Schlacht  bei  Bautzen  brannten  zwischen  Königswartha
und  Görlitz  zwanzig  Dörfer.  In  Leipzig  waren  alle  verfügbaren
  Räume  zu  Lazarethen  für  die  Verwundeten  aus  der
Schlacht  bei  Lützen  eingerichtet,  die  dem  Kreise  täglich  13000

1)  Vgl.  Dresdner  Journal  1864,  Feuilleton  Nr.  71,  74,  75.
Flathe,  Neuere  Geschichte  Sachsens.  12