Napoleon  während  des  Waffenstillstandes.  187

heit  am  Lilienstein  theils  neu  angelegt,  theils  ausgebessert.
Napoleon  selbst  flog  von  einem  Punkte  zum  andern,  den
Fortgang  der  Arbeiten  zu  überwachen,  besichtigte  die  Elbfestungen
  Torgau,  Wittenberg  und  Magdeburg  und  hielt  über
die  einzelnen  Truppenkörper,  z.  B.  bei  Torgau  über  die  neuformierte
  Division  Lecoq,  Heerschau.  Durch  ein  von  dem
General  v.  Gersdorff  geleitetes  Spioniersystem  vortrefflich  bedient,
  kannte  er  die  von  Rußland  und  Preußen  zu  Reichenbach
mit  England  abgeschlossenen  Verträge;  voll  bittern  Grolls
gegen  Osterreich,  das  sich  vermaß  als  Schiedsrichter  zwischen
die  Streitenden  treten  zu  wollen,  hatte  er  dem  ersten  aus
Wien  kommenden  Unterhändler,  Bubna,  abschläglichen  Bescheid
gegeben.  Erst  als  ihn  die  dadurch  von  ihm  selbst  beförderte
Annäherung  Osterreichs  an  die  Verbündeten  von  Reichenbach
zu  beunruhigen  anfing,  lud  er  Metternich  zu  sich  nach  Dresden
ein,  und  hier,  im  Marcolini'schen  Palais,  fand  am  28.  Juni
zwischen  beiden  jene  denkwürdige  Unterredung  statt,  die  Osterreichs
  Abfall  von  Frankreich  entschied.  Was  Metternich  verlangte,
  war  mehr  als  bescheiden:  das  Herzogthum  Warschau
zur  Vertheilung  unter  die  drei  Nachbarn,  Danzig  für  Preußen,
Illyrien  für  Osterreich,  Verzicht  auf  die  Hansastädte  und  die
32.  Militairdivision;  aber  Napoleon  hatte  nur  Vorwürfe  und
Beschuldigungen  für  das  ungetreue  Österreich;  bloß  um  eine
längere  Frist  für  seine  Rüstungen  zu  gewinnen,  ließ  er  sich
die  Vermittlung  Osterreichs  gefallen  und  willigte  in  den  Zusammentritt
  eines  Friedenscongresses,  aber  die  Zeit  des
Waffenstillstandes  lief  ab,  ohne  daß  er  einen  Schritt  zur  Verständigung
  gethan  hatte.

Uneingeweiht  in  die  geheimen  von  beiden  Seiten  wirkenden
Triebfedern,  hoffte  das  sächsische  Cabinet  ernstlich  auf  das  Zustandekommen
  des  Friedens  und  erwog  die  Vortheile,  welche
Sachsen  dabei  würde  erlangen  können  1).  Als  Entschädigung
für  die  Kriegslasten  schien  Erfurt  oder  der  Saalkreis  oder  auch.

)  Intérets  politigues  du  Royaume  de  Saze  à  la  pacification  géné-Tale,
  22.  Juli,  von  Breuer  verfaßt.