226  Sachsen  während  des  Befreiungskriegs  von  1813.

Inzwischen  kam  Napoleon  in  Begleitung  des  Königs  von
Neapel  und  Berthiers  um  der  königlichen  Familie  seinen  Abschiedsbesuch
  abzustatten;  selbst  jetzt  noch  seine  Ueberlegenheit
  über  den  König  mißbrauchend  trug  er  absichtlich  das
vollste  Selbstvertrauen  zur  Schau  und  gab  sich  den  Schein,
als  werde  seine  Entfernung  von  Leipzig  nur  vorübergehend
sein,  bedauerte  den  König,  der  vielleicht  genöthigt  sein  würde
Truppen  gegen  ihn  zu  stellen  und  wohl  besser  gethan  hätte
ihn  nach  Weißenfels  zu  begleiten;  der  Königin  versicherte  er,
daß  er  sie  bald  in  Dresden  wiedersehen  werde;  in  den  stärksten
Ausdrücken  sprach  er  sich  über  den  Abfall  ihres  Bruders,
des  Königs  von  Baiern,  aus,  den  er  zu  rächen  gedenke  1).
Gegen  97  Uhr  verabschiedete  er  sich,  ermahnte  im  Vorüberreiten
  die  sächsische  Garde  den  König  wohl  zu  bewachen  und
suchte  durch  das  Gewühl  den  Ausgang  aus  der  Stadt;  hinter
ihm  flog  die  Brücke  am  ranstädter  Thore  in  die  Luft,  alles,
was  sich  noch  auf  dem  rechten  Elsterufer  befand  und  sich  nicht
schwimmend  zu  retten  vermochte,  der  Gefangenschaft  überliefernd.


Der  König  suchte  nach  Napoleons  Entfernung  wieder  im
Souterrain  Schutz  vor  den  einschlagenden  Geschossen.  Wie
vollständig  er  sich  von  demselben  hatte  täuschen  lassen,  zeigte
sich,  als  jetzt  plötzlich  die  Polen  sich  darauf  besannen,  daß
der  König  von  Sachsen  ihr  Landesherr  sei,  und  General
Dombrowski  ihn  um  Verhaltungsbefehle  für  die  polnischen
Truppen  bitten  ließ,  die  jeden  Befehl  des  Königs  pünklich  befolgen
  würden.  Da  alle  polnischen  Sachen  vorschriftsmäßig
durch  den  polnischen  Generaladjutanten  zu  gehen  hatten,  so
wies  v.  Bose  den  Boten  an  diesen,  und  auf  demselben  Wege
erfolgte  die  Antwort:  „Der  König  habe  den  polnischen  Truppen

1)  Die  bonapartistischen  Schriftsteller,  z.  B.  Fain  (II,  435)  bis  auf
Thiers  (XVI,  613)  herunter  machen  diesen  Abschied  ganz  ohne  Grund
zu  einem  rührenden  Familiengemälde.  Die  Angabe,  daß  Napoleon  dabei
den  König  aller  Verpflichtungen  edelmüthig  entbunden  habe,  widerlegt
sich  durch  die  im  Anhang  Nr.  28  mitzgetheilte  Note  des  Herzogs  von
Bassano.  -