36  Das  fremde  Gouvernement  und  der  wiener  Congreß.

Der  berliner  Arzt  Reil,  der  aus  reiner  Menschenliebe  herbeieilte
  um  die  oberste  Leitung  der  Spitäler  zu  übernehmen,
richtete  unter  dem  ersten  Eindruck  dessen,  was  er  sah,  einen
herzzerreißenden  Nothschrei  um  Abhilfe  an  Stein  1);  Arndt,
welcher  einige  Tage  nach  der  Schlacht  nach  Leipzig  kam,  fühlte
sich  an  die  Schauderscenen  von  Wilna  erinnert.  Die  Verheerungen
  des  Typhus  verbreiteten  sich  aus  den  Lazarethen  in
die  Stadt,  dennoch  ermüdete  die  Menschlichkeit  und  Wohlthätigkeit
  der  Einwohner  nimmer  und,  der  Angsten  und  Nöthe  um  sich
selbst  vergessend,  halfen  und  retteten  sie,  soviel  sie  konnten  2).
Unter  der  energischen  Beihilfe  des  Stadtcommandanten  Oberst
Prendel  wurden  die  schleunigsten  Maßregeln  ergriffen  um  die
Lazarethe  zu  räumen,  die  Kranken  unterzubringen  und  die  Stadt
zu  reinigen.

Wenn  auch  nicht  in  gleichem  Maße,  so  war  doch  auch  der
Zustand  des  übrigen  Landes  schrecklich  genug.  Noch  von  den
Anstrengungen  und  Opfern  des  vorjährigen  Feldzugs  erschöpft,
war  es,  mit  Ausnahme  etwa  von  Thüringen,  seit  dem  Frühjahr
  ununterbrochen  Schauplatz  des  Kriegs  oder  Standort
ungeheurer  Heeresmassen  gewesen.  Mehrere  Prodinzen  waren
fast  gänzlich  verheert,  viele  Orte  rein  ausgeplündert,  abgebrannt
oder  die  Häuser  zu  Wachtfeuern  abgetragen,  die  Einwohner  geflüchtet
  und  zerstreut,  der  Viehstand  vernichtet,  kein  Getreide
zur  Aussaat  und  Brödung,  in  allen  Landestheilen  pestartige

1)  Pertz  III,  437.  Vgl.  dazu  Groß'  Widerlegung  von  Reils  übertreibungen
  in:  Grenzboten  1848  II,  41  ff.

2)  Arndt,  Nothgedrungener  Bericht,  S.  217.  „Das  war  auch
Deutschland“,  setzt  er  hinzu,  „und  das  allerbeste  Deutschland.“  Nach
Clarus  belief  sich  die  Zahl  der  Typhuskranken  unter  den  Bewohnern  von
Leipzig  im  Jahre  1813  auf  13795,  1814  auf  5110.  Ihren  Höhepunkt
erreichte  die  Epidemie  im  December  1813.  —  Die  vom  16.  October  1813
bis  21.  Januar  1814  in  Leipzig  begrabenen  Civilpersonen  beliefen  sich  bei
einer  Bevölkerung  von  33000  Seelen  auf  3499;  die  begrabenen  Militärpersonen
  durften  nicht  mitgezählt  werden.  Naumann,  Aus  dem  Jahre
1813  (1869),  S.  41.  Die  Gesamtzahl  der  vom  Mai  1813  bis  1.  April
1815  in  den  leipziger  Lazarethen  Verpflegten  betrug  102690,  der  Verstorbenen
  5587,  allein  im  October  1813  die  Zahl  der  Kranken  31000.