Belagerung  von  Dresden  und  von  Torgau.  239

Dresden  blokierte  ein  russisches  Corps  unter  General  Tolstoi,
das,  nachdem  es  am  17.  October  durch  einen  Ausfall  St.  Cyrs
drei  Stunden  weit  zurückgeworfen  worden  war,  durch  Klenau
verstärkt  wurde.  Am  23sten  begann  die  Blokade  aufs  neue;
es  wäre  ein  Leichtes  gewesen  den  Platz  mit  Gewalt  zu  nehmen,
wenn  nicht  die  Verbündeten  aus  Schonung  für  die  Stadt  es
vorgezogen  hätten,  ihn  durch  Hunger  zu  bezwingen.  So  mußte
denn  außer  der  Garnison,  unter  der  der  Lazarethtyphus  seine
Verheerungen  anrichtete,  auch  die  Einwohnerschaft  alle  Schrecknisse
  der  Aushungerung  über  sich  ergehen  lassen,  die  durch  die
Gewißheit  der  Befreiung  des  übrigen  Deutschlands  um  so
härter  drückte  1).  Da  die  Lebensmittelvorräthe  sehr  bald  zur
Neige  giengen,  so  entschloß  sich  Graf  Lobau  zu  dem  Versuch
sich  mit  dem  kampffähigen  Theil  der  Garnison  durchzuschlagen.
Am  6.  November  erfolgte  der  Ausfall  auf  der  großenhainer
Straße,  er  kam  aber  nur  bis  Reichenberg.  So  blieb  nur
noch  Capitulation  übrig;  dieselbe  wurde  den  11.  November
zu  Herzogswalde  zwischen  Klenau's  Generalstabschef  Oberst
v.  Rothkirch  und  dem  Obersten  Murawiew,  französischerseits  dem
Obersten  Marion  zugleich  mit  für  den  Sonnenstein  abgeschlossen.
Die  Garnison,  bestehend  aus  1  Marschall,  31  Generalen,
1759  Offizieren  und  27714  Gemeinen,  dazu  6051  Kranken,
sollte  gegen  das  Versprechen  in  gegenwärtigem  Kriege  nicht
gegen  die  Verbündeten  zu  dienen  nach  Frankreich  geführt  werden.
Noch  am  nämlichen  Tage  kam  der  sächsische  General  v.  Mellentin
  in  die  Stadt  um  das  sächsische  Heergeräth,  sowie  die
Aufsicht  über  die  Kassen  und  Kunstschätze  zu  übernehmen.  Allein
im  großen  Hauptquartier  erhielt  die  Capitulation  nicht  die  erwartete
  Ratification  und  St.  Cyr  wurde  mit  seinem  Corps
kriegsgefan  gen  nach  Mähren  und  Ungarn  abgeführt.
Hartnäckiger  und  länger  wehrte  sich  Torgau,  wo  der
tapfere  Graf  Narbonne  commandierte.  Es  war  ein  eigenthümliches
  Zusammentreffen,  daß  die  Sachsen,  noch  vor  wenigen
Tagen  zur  Besatzung  der  Festung  bestimmt,  jetzt  zur  Bela-1)

  Mittheilungen  eines  sächsischen  Staatsmannes,  S.  326.