Die  sächsische  Frage  auf  dem  Congreß.  297

Castlereagh  lehnte  beim  ersten  Versuche,  den  Schulenburg  machte,
jede  Außerung  über  die  sächsische  Angelegenheit  ab.  Ein  mündlicher
  Appell  des  Prinzen  Anton  an  die  Herrscher  von  Rußland
und  Preußen  erfuhr  eine  so  schroffe  Zurückweisung,  daß  Schulenburg
  gar  nicht  wagte  die  ihm  bei  denselben  aufgetragenen
Audienzen  nachzusuchen.  So  mußte  er  denn,  selbst  unthätig,
sich  auf  das  verlassen,  was  Andere,  Frankreich,  Baiern,  Hannover,
  vor  allem  Osterreich  zu  Sachsens  Gunsten  thun  würden.
Von  seiten  des  letzteren  legten  zwar  nicht  bloß  Metternich
sondern  auch  Wessenberg,  Gentz  und  Langenau  großen  Eifer
für  Sachsen  an  den  Tag,  trotzdem  aber  ließ  die  schwankende
Haltung  dieser  Macht  kein  rechtes  Vertrauen  zu  ihrer  Zuverlässigkeit
  fassen  ).  „Was  Osterreich  betrifft“,  schrieb  Schulenburg
  am  10.  October,  „so  kann  ich  nur  wiederholen,  daß  ich
mehr  als  je  überzeugt  bin,  daß  allein  die  feste  Sprache  dieses
Hofes  Sachsen  retten  oder  seine  Nachgibigkeit  an  unseres
Vaterlandes  Untergang  schuld  sein  wird.“  2)

Begreiflicherweise  wurde  unter  diesen  Umständen  die  Übergabe
  Sachsens  an  Preußen  von  dem  sächsischen  Cabinet  als  ein
sehr  schlimmes  Vorzeichen  gedeutet.  Metternich  tröstete  mit
der  Versicherung,  so  vielen  Theil  auch  der  Kaiser  an  der  Erhaltung
  Sachsens  und  dessen  Dynastie  nehme,  so  unterstütze
er  dieselbe  doch  noch  mehr  als  österreichisches  Staatsinteresse,
die  sächsische  Sache  ftehe  besser  als  sie  gestanden;  die  provisorische
  Occupation  durch  Preußen  sei  im  Einverständniß  mit
OSsterreich  und  England  erfolgt,  von  ersterem  jedoch  mit  der

1)  Schulenburg  an  Einsiedel,  9.  November.  —  Sächsische  Deucschrift
vom  26.  December.  ·

2)PrinzAntonandenKönig,28.0ctober-,,L’Autriohenos’intéresse
  que  faiblement  pour  nous,  de  crainte  de  s'engager  à  une  guerre.  ..
Il  est  vrai  que  mon  beau-frre  m’'a  dit,  que  jamais  il  ne  consentirait
à  nötre  déchéance;  qu'il  ne  le  pouvait  en  conscience;  mais  §'il  ne
#'  oppose  pas,  qui  peut  repondre  que  les  autres  ne  passent  outre,
bien  persuadés,  qu’il  ne  croit  pouvoir  I’empecher?  Le  Prince  de
Metternich  est  pour  le  moins  trop  faible.“  Archiv  für  die  sächsische
Geschichte  I,  100.