302  Das  fremde  Gouvernement  und  der  wiener  Congreß.

ursprünglichen  Ansicht  zu  bekehren,  verfaßte  Stein  im  Auftrag
des  russischen  Cabinets  eine  Denkschrift  „Ueber  die  völlige  oder
theilweise  Vereinigung  Sachsens  mit  Preußen"“,  in  der  er  den
Beweis  zu  führen  suchte,  daß  die  Vereinigung  Sachsens  mit
Preußen  sowohl  dem  Völkerrechte  als  dem  Besten  Europas
gemäß,  eine  Theilung  dagegen  für  Sachsen  selbst  ebenso  nachtheilig
  sei  wie  für  Preußen  und  Österreich  doch  keinen  Nutzen
bringe  1).

Noch  verfocht  also  Alexander,  seiner  Zusage  getreu,  Preußens
  Ansprüche  auf  ganz  Sachsen.  War  er  aber  nicht  fest
genug  oder  nicht  im  Stande,  dem  von  allen  Seiten  gegen  die
Einverleibung  sich  erhebenden  Widerspruche  die  Stirn  zu  bieten,
so  lief  Preußen  Gefahr,  zum  Lohn  für  die  ungeheuren  Anstrengungen,
  die  es  zur  Zerbrechung  des  napoleonischen  Joches
gemacht  hatte,  allein  von  allen  Mächten  leer  auszugehen.  Voll
Bestürzung  über  diese  Möglichkeit  hob  Hardenberg  2.  December
in  einer  Note  an  den  Fürsten  Metternich  nochmals  alle  Gründe
hervor,  die  Osterreich  von  seinem  Widerspruche  abbringen  könnten.
  Ein  Blick  auf  die  Karte  lehre,  daß  selbst  die  Erwerbung
von  ganz  Sachsen  für  Preußen,  das  doch  Anspruch  auf  die
Dankbarkeit  Europas  habe,  noch  nicht  die  Vortheile  gewähre,
welche  die  übrigen  Mächte  für  sich  erlangt  hätten;  und  statt
diese  Betrachtung  zu  würdigen  sollte  man  einen  Zwischenstaat
zwischen  Osterreich  und  Preußen  gründen  wollen  um  eine  Grenze
herzustellen,  die  statt  zu  Osterreichs  Vertheidigung  nöthig  zu
sein  nur  den  Angriff  gegen  Preußen  erleichtere?  Man  sollte
eigensinnig  darauf  beharren  dem  Könige  von  Sachsen  einen
Theil  seines  Landes  zu  erhalten,  was  dem  Wunsche  des  Volkes
durchaus  entgegen,  selbst  für  den  König  und  seine  Familie,  für
Dresden,  für  Preußen  und  das  verkleinerte  Sachsen  nachtheilig
wäre,  da  das  letztere  immer  ein  Sitz  von  Unzufriedenheit,
Ränken  und  Störungen  aller  guten  Verwaltung  sein  würde?
„Ich  kann  mich  deshalb  dreist  auf  die  Sachsen  selbst  berufen.
Wenn  es  möglich  wäre  die  Stimmen  zu  zählen,  so  würden  sie

1)  3.  December.  Pertz  IV,  230.