310  Das  fremde  Gouvernement  und  der  wiener  Congreß.

handeln,  Preußen  alle  sächsischen  Staatsdiener,  besonders  auch
die,  welche  dem  König  in  die  Gefangenschaft  gefolgt  seien,  in
ihrem  Wirkungskreise  zu  erhalten  oder  ihnen  eine  angemessene
Existenz  zu  sichern  verspreche,  daß  ferner  alle  römisch-katholischen
Institute  in  Sachsen  auf  dem  status  quo  erhalten,  eventuell
und  namentlich  der  katholische  Gottesdienst  in  Dresden  mit
einer  besonderen  Dotation  bedacht  werden  solle.  Diese  Anträge
mochten  auf  den  Charakter  des  Königs,  auf  seine  väterliche
Fürsorge  für  seine  Diener  und  seine  Anhänglichkeit  an  die
katholische  Religion  nicht  ungeschickt  berechnet  erscheinen,  es  hätte
aber  doch  für  das  von  dem  Stande  der  Dinge  in  Wien  wohl
unterrichtete  sächsische  Cabinet  eine  unbegreifliche  Thorheit  dazu
gehört,  um  sich  dadurch  ködern  zu  lassen.  Einsiedel  erwiderte
nur,  daß  der  König  seinem  Lande  niemals  entsagen  werde.
Ein  weiterer  Versuch  Miltitzens,  den  Pater  Schneider,  des
Königs  Beichtvater,  durch  den  katholischen  Probst  zu  Berlin
zu  gewinnen,  schlug  ebenfalls  vollständig  fehl  1).

Mittlerweile  hatten  aber  die  Dinge  in  Wien  eine  Wendung
genommen,  die  eine  friedliche  Verständigung  über  Sachsen  höchst
zweifelhaft  machte.  Bei  Eröffnung  der  von  den  vier  Mächten
über  die  sächsische  Frage  anberaumten  Conferenzen  trat  Metternich
  plötzlich  mit  der  Forderung  auf,  daß  dieselbe  als  eine
europäische  nur  unter  Zustimmung  aller  Großmächte  und  des
Königs  von  Sachsen  selbst  entschieden  werden  dürfe;  das  hieß,
durch  die  Berufung  Talleyrands  und  eines  Vertreters  Sachsens
die  Stimmenmehrheit  für  Osterreich  sichern  und  Preußens  Ansprüche
  zum  voraus  vereiteln.  Auf  das  heftigste  trat  daher
Hardenberg  diesem  Ansinnen  entgegen,  er  drohete,  falls  Metternich
  auf  der  Zustimmung  des  Königs  von  Sachsen  bestehe,
mit  dem  Abbruch  der  Verhandlungen,  und  Metternich  mußte,
da  Castlereagh  ihn  in  diesem  Punkte  im  Stiche  ließ,  vorläufig
davon  abstehen.  Man  trennte  sich  ohne  Ergebniß.  Weit  geschickter
  verstand  es  Talleyrand,  den  über  Hardenbergs  Drohung

1)  Dresdn.  Arch.  —  Nach  Pertz  IV,  264  hätte  auch  der  russische
Gesandte  in  Berlin  Alopäus  einen  ähnlichen  Auftrag  erhalten.