364  Sachsen  von  1815—1833.

jedermann  zugänglich,  eine  durch  und  durch  bureaukratische
Natur,  war  er  ganz  an  seinem  Platze,  wo  es  sich  darum  han—
delte,  das  zerfahrene  Staatswesen  wiedereinzurichten  und  die
Verwaltung  des  verarmten  Landes  in  Ordnung  zu  halten.
Damit  war  aber  auch  der  Kreis  seiner  Befähigung  abgeschlossen.
Ohne  jegliches  Verständniß  für  die  Ideen  der  Zeit,  ohne  Maßstab
  für  ihre  Bedürfnisse,  wie  er  denn  während  seines  ganzen
Bildungsganges  von  der  Welt  so  gut  wie  nichts  gesehen  hatte,
ohne  jede  Weite  staatsmännischen  Horizontes  reichte  sein  Blick
nie  über  die  Grenzpfähle  Sachsens  hinaus,  daher  er  auch  keineswegs
  der  Mann  nach  dem  Herzen  jener  Cotterie  war,  die  noch
immer  von  einer  Bewegung  in  Frankreich  und  Polen  einen
Umschlag  zu  Gunsten  Sachsens  erhoffte  und  ihn  darum  gern
durch  den  Grafen  Senfft-Pilsach  verdrängt  hätte.  Ein  abgesagter
  Feind  allen  politischen  Fortschrittes,  besaß  er  doch
Scharfblick  genug  um  den  Nutzen  des  Neuen  für  seine  bedeutenden
  industriellen  Unternehmungen  herauszufinden.  Mit  großer
Consequenz  verstand  er  diese  Enge  und  Geistlosigkeit  der  eigenen
Weltanschanung  dem  ganzen  Beamtenthum  aufzuprägen,  und  so
brachte  er  es  dahin,  daß  blindes  Vertrauen  auf  eine  patriarchalische,
  wohlmeinende  Regierung  und  in  die  Unfehlbarkeit  einer
mechanischen  Geschäftsroutine,  Zurücksetzung  des  Talents  und
Bevorzugung  der  sich  gefügig  unterordnenden  Mittelmäßigkeit,
daß  Gleichgiltigkeit  gegen  das  öffentliche  Leben  und  zahme  Leidenschaftlosigkeit,
  endlich  und  nicht  zum  mindesten  Abscheu  gegen
alles  Nichtsächsische  und  particularistische  Verbissenheit  die  hervorstechendsten
  Züge  des  sächsischen  Wesens  wurden  und  jenes
farblose  Einerlei  erzeugten,  welches  das  Hauptmerkmal  der
Zeit  von  1815  bis  1830  ausmacht.

Freilich,  daß  die  alte  complicierte  Staatsmaschine  unter  den
veränderten  Verhältnissen  nicht  ganz  in  der  alten  Schwerfälligkeit
  fortarbeiten  könne,  verkannte  Einsiedel  um  so  weniger,  als
er  selbst  schon  im  Laufe  des  Jahres  1813  Einleitung  zu  einigen
der  dringendsten  inneren  Verbesserungen  getroffen  hatte;  allein
wie  engbegrenzt  auch  seine  Reformideen  waren,  so  fanden  sie
doch  eine  unübersteigliche  Schranke  an  den  festgewurzelten  An-