Industrie  und  Handel.  389

freier  Bewegung.  Und  doch  hätte  schon  das  Beispiel  des
zwickauer  Steinkohlenbaus,  wo  die  durch  die  Wiederaufnahme
der  reinsdorfer  Gruben  1823  veranlaßte  Aufhebung  der  Reiheladung
  und  der  alten  gewerbschaftlichen  Verfassung  den  Absatz
sofort  um  die  Hälfte  steigerte  und  die  Kohlen  wohlfeiler
machte  1),  den  richtigen  Weg  zeigen  können.  In  der  That  war
es  auch  nicht  die  Regierung,  welche  das  alte  Zwangssystem  am
schroffesten  aufrecht  erhielt,  bei  ihr  wie  im  Publikum  brach  sich
die  Überzeugung  Bahn,  daß  dem  Gewerbe  eine  freiere  Verfassung
  von  nöthen  sei.  Die  Zöglinge  der  1828  in  Dresden
errichteten  technischen  Bildungsanstalt  wurden  vom  Zunftzwange
freigesprochen,  die  Söhne  der  Strumpfwirker  im  Amtsbezirk
Chemnitz  von  den  landwirthschaftlichen  Dienstjahren  dispensiert.
Im  Jahre  1829  wurde  die  Commerziendeputation,  welche  sogar
anfing  Fabrikanten  zu  ihren  Sitzungen  zuzuziehen,  mit  der
Entwerfung  einer  neuen  Gewerbeordnung  beauftragt  und  v.  Wietersheim
  empfahl  in  dem  von  ihm  erforderten  Gutachten  als
Grundzüge  derselben:  Ablösung  des  städtischen  Bierzwanges  und
des  Mahlzwanges,  Einschränkung  des  Branntweinschanks,  Vermehrung
  der  Gasthofsgerechtigkeiten,  unbeschränkte  Freiheit  für
den  Betrieb  der  zum  Fabrikwesen  gehörigen  Mahlanstalten,
namentlich  der  Papier=  und  Olmühlen,  Beschränkung  des  Innungswesens
  in  der  Fabrikation  und  größere  Freiheit  der
Gewerbe  2).  Der  eigentliche  Widerstand  gieng  von  den  Innungen,
  von  den  durch  Vorrechte  geschützten  Kreisen  aus,  von  denen
jeder  das  Heilmittel  gegen  die  Noth  der  Zeit  am  liebsten  darin
sah,  daß  ihm  auf  Kosten  aller  Übrigen  noch  größere  Vergünstigungen
  eingeräumt  würden.  So  beschwerten  sich  die  Städte
auf  dem  Landtag  von  1820  über  die  Benachtheiligung  ihres
Handelsverkehrs  durch  die  Landkrämer,  auch  verlangten  sie,  daß

1)  Herzog,  Gesch.  des  Zwickauer  Steinkohlenbaues  (1852),  S.  64.
Vgl.  zu  dem  Ubrigen:  Wieck,  Industrielle  Zustände  Sachsens  (1840).  —
über  die  Verhandlungen,  welche  zu  Sachsens  Eintritt  in  den  Zollverein.
führten,  vgl.  weiter  unten  im  Zusammenhange.

2)  v.  Witzleben,  Ed.  v.  Wietersheim  (1865).