Sachsen-Gotha-Altenburg.  Liederkreis.  401

geübte  Druck,  um  das  politische  Leben  zu  ersticken,  so  ergoß
sich  ganz  naturgemäß  der  Drang  nach  Meinungsaustausch  und
geistigem  Verkehr  um  so  ausschließlicher  auf  die  gefahrlosen
Bahnen  der  Belletristik,  der  Kunst  und  Theaterkritik,  ohne  doch
auch  auf  diesen  Gebieten  Kraft  zur  Hervorbringung  von  etwas
wahrhaft  Bedeutsamem  zu  bekunden.  Ihre  stärkste  Ausprägung
fand  diese  Richtung  in  der  Hauptstadt  selbst  und  hatte  hier
ihre  gewissermaßen  typische  Verkörperung  in  einem  ursprünglich
Dichterthee,  später  Liederkreis  genannten  ästhetischen  Kränzchen,
dessen  eigentliche  Seele  sein  einstiger  Mitbegründer,  der  Theatersecretär
  und  Hofrath  Winkler  (Th.  Hell),  der  formgewandte
Verfasser  vieler  ernster  und  launiger  Verse,  war.  Von  den
übrigen  Mitgliedern  waren  außer  einigen  Frauen,  z.  B.  der
zigeunerhaften  W.  v.  Chezy  und  der  Harfenspielerin  und  Malerin
  Ther.  a.  d.  Winkel  die  nennenswerthesten:  Fr.  Kind  aus
Leipzig,  der  der  juristischen  Praxis  entsagte  um  sich  ausschließlich
der  Dichtkunst  zu  widmen,  der  liebenswürdige  und  auch  als
Gegner  Einsiedels  beliebte  Minister  G.  A.  E.  v.  Nostitz  und
Jänkendorf  (Arthur  v.  Nordstern),  Commissionsrath  Schulze
(Fr.  Laun),  Rechtsanwalt  Fr.  Kuhn,  Professor  K.  Forster,
jener  Übersetzer  des  Camoens,  dieser  des  Petrarca,  der  früh
verstorbene  Legationsrath  Breuer,  der  Advocat  und  spätere
Censor  Ed.  Gehe,  der  als  Romanschriftsteller  äußerst  fruchtbare
A.  v.  Tromlitz  (Oberst  v.  Witzleben),  der  Alterthumskenner
und  Verfasser  der  Theorie  des  Lustspiels  Professor  H.  A.  Hasse,
auch  der  Archivar  K.  A.  Engelhardt,  dessen  Verdienste  um  die
schöne  Literatur  (als  Rich.  Roos)  geringer  anzuschlagen  sind
als  die  um  Belebung  des  Sinns  für  Volksthum  und  Vaterlandskunde,
  endlich  der  vielberufene  Hofrath  K.  A.  Böttiger,
der,  wenn  er  auch  sein  nicht  unbedeutendes  Talent  und  sein
noch  viel  bedeutenderes  Wissen  charakterlos  verzettelte,  doch
durch  die  Unzahl  seiner  in  Almanachen  und  Zeitschriften  verstreuten
  Aufsätze,  in  höherem  Grade  noch  durch  seine  vielbesuchten
Vorlesungen  über  Archäologie  und  Kunstmythologie  Sinn  und
Verständniß  für  die  Kunst  in  weiteren  Kreisen  verbreiten  half;
im  bürgerlichen  Leben  lauter  höchst  achtbare  Männer,  in  der
Flathe,  Neuere  Geschichte  Sachseus.  26