402  Sachsen  von  1815—1833.

Poesie  meist  oberflächliche  Dilettanten  und  trotz  manchen  ausgesprochenen
  Talentes  von  geringer  Productionskraft,  dafür
aber  desto  unermüdlicher  sich  gegenseitig  Weihrauch  zu  streuen,
bis  sie,  in  den  Bahnen  trivialer  Mittelmäßigkeit,  der  von  jeher
die  sächsische  Hauptstadt  ein  besonders  günstiger  Boden  gewesen
ist,  fortwandelnd,  endlich  dahin  gelangten,  sich  für  Dichter  und
Ästhetiker  ersten  Ranges,  ihren  Liederkreis  für  einen  Areopag
des  guten  Geschmacks  zu  halten  und  dem  auftauchenden  Besseren,
  das  ihnen  unverständlich  blieb,  nicht  selten  mit  kleinlichem
Neide  den  Weg  zu  vertreten.  Das  Sprachrohr  dieser  Coterie
bildete  die  schon  1805  von  Fr.  Laun  begonnene,  1817  von
Th.  Hell  und  Fr.  Kind  erneuerte  Abendzeitung,  das  gelesenste
aller  ästhetischen  Blätter  der  damaligen  Zeit,  bis  sie  allmählich,
samt  dem  ganzen  Liederkreise  von  kräftigeren  Zeitströmungen
verdrängt,  kurz  nach  dem  Sturme  von  1848  verblich.

Diesem  Kreise  verwandt,  doch  nicht  ganz  ihm  zugehörig
waren  Graf  Kalkreuth,  v.  d.  Malsburg,  der  katholisierende,
streng  aristokratische  Graf  Löben  (Isidorus  Orientalis).  Noch
weiter  sonderte  sich  ein  anderer  Kreis  von  Schöngeistern  ab,
der  sich  um  den  1821  von  Elise  v.  d.  Recke  nach  Dresden
geführten  und  in  ihrem  Hause  verhätschelten  Tiedge  gruppierte,
nach  außen  aber  weit  weniger  Einfluß  übte,  da  er  sich  an  der
zum  förmlichen  Cultus  gesteigerten  stummen  Verehrung  des
oft  recht  grämlichen  und  langweiligen  Sängers  der  Urania
genügen  ließ.  Auch  Prinz  Johann  liebte  es  seit  1826,  eine
Anzahl  geistig  hervorragender  Männer,  z.  B.  außer  mehreren
schon  genannten,  den  Oberbibliothekar  Ebert,  Professor  Hartmann,
  General  v.  Gersdorff,  Ammon,  v.  Miltitz  des  Abends
bei  sich  zu  versammeln,  wobei  in  der  ungezwungensten  Weise
Ansichten  über  Literatur  und  Kunst  ausgetauscht,  namentlich
auch  Proben  der  Dante-Übersetzung,  an  welcher  der  Prinz
arbeitete,  durchgesprochen  wurden.  Als  eigentlicher  Fürst  aber
der  dresdner  literarischen  Welt  thronte  seit  1819  L.  Tieck,  der
die  Verbindung  mit  dem  Liederkreise  nicht  nur  bald  auflöste
sondern  in  offene  Opposition  zu  demselben  trat  und  diese
„Räucheranstalt“  zum  Stichblatt  unablässiger  Spöttereien