544  Sachsen  von  1833—1848.

er  die  Spitzen  der  königlichen  und  städtischen  Behörden  zur
Tafel  versammelt  hatte.  Das  Lied  „Ein'  feste  Burg“  wurde
angestimmt,  untermischt  mit  Hochrufen  auf  Ronge  und  Czerski.
In  unverzeihlicher  Verzagtheit  fand  Niemand  an  der  prinzlichen
Tafel  soviel  Muth,  den  arglosen  Prinzen  von  dem,  was  draußen
vorgieng,  in  Kenntniß  zu  setzen.  Die  vor  allen  zur  Aufrechthaltung
  der  Ruhe  berufene  Communalgarde  zusammenzurufen
wurde  aus  unzeitiger  Schonung  gegen  die  durch  die  Revue
Ermüdeten  versäumt.  Der  schwachen  Polizeimannschaft  spottend
wächst  der  Tumult,  ungeduldig,  daß  man  es  nicht  der  Mühe
werth  zu  achten  scheint  ihm  Einhalt  zu  thun.  Endlich  entschließt
  sich  der  Commandant  der  Communalgarde  nach  der
Wachtmannschaft  zu  schicken;  bevor  aber  diese  eintrifft,  drängt
der  Haufen  immer  dichter  gegen  das  Hötel,  Steine  fliegen
gegen  Thür  und  Fenster.  Da  läßt  der  Stadtcommandant,
Oberst  v.  Buttlar,  von  der  Civilbehörde  aufgefordert,  ein  Bataillon
  der  Garnison  herbeiholen;  im  Sturmschritt  anlangend
stellt  es  sich  hakenförmig  vor  dem  Hötel  auf.  Die  Menge
weicht  einen  Augenblick  zurück,  bald  aber  erneuert  sich  das
Geschrei,  einzelne  Schützen  werden  von  Steinwürfen  getroffen;
die  Aufforderungen  der  Offiziere  zum  Auseinandergehen,  die
Commandos  zum  Fertigmachen  verhallen  im  Lärm.  Da  fallen
plötzlich  von  zwei  Seiten  fast  gleichzeitig  Gewehrsalven  und
mehrere  Getroffene,  meist  entfernt  stehende  Neugierige  oder
zufällig  Vorübergehende,  wälzen  sich  im  Blute.  Unter  Wuthgeschrei
  stürzt  die  Menge  in  die  innere  Stadt,  nun  erst  ruft
der  Generalmarsch  die  Communalgarde  auf  ihre  Sammelplätze,
sie  zerstreut  die  sich  wieder  zusammenrottende  Menge.  Von
Verwünschungen  und  Steinwürfen  verfolgt  enteilt  am  andern
Morgen  der  Prinz  zu  Wagen  unter  Bedeckung  reitender  Communalgarde
  Leipzigs  Mauern.

Es  war  eine  unselige,  durch  keine  Noth  gerechtfertigte  aber
auch  ohne  Vorbedacht  geschehene  Anwendung  der  äußersten  Gewalt.
  Eine  unbeschreibliche  Erbitterung  bemächtigte  sich  der
Stadt.  In  dem  Durcheinander  wüster  Gerüchte  stand  doch
das  Eine  Allen  fest:  daß  der  Prinz  der  Urheber  des  Feuerns