Der  12.  August  1845.  Rob.  Blum.  545

gewesen,  und  obgleich  von  seinen  Gästen  jeder  das  Gegentheil
wußte,  wissen  mußte,  getraute  sich  außer  dem  Rector  der  Universität,
  Domherr  Günther,  doch  keiner,  der  Wahrheit  die
Ehre  zu  geben,  ja  einer  von  ihnen,  der  Vorsteher  der  Stadtverordneten
  Dr.  Haase,  legte  diesen  am  13ten  eine  Adresse  vor,
welche  mit  nicht  mißzuverstehender  Hindeutung  auf  den  Prinzen
um  strenge  Untersuchung  gegen  alle  bei  dem  nicht  genug  zu
beklagenden  Ereigniß  „von  welcher  Seite  es  auch  sei“  Betheiligten
  bat.  Stadtverordnete  und  Stadtrath  sandten  dieselbe
durch  eine  Deputation  nach  Dresden.  Im  Schiützenhause  tagte
inzwischen  eine  Volksversammlung;  hier  erhob  sich  aus  dem
wilden  Gewoge  der  Leidenschaften  Robert  Blum:  „eine  Sühne
für  das  vergossene  Blut  müsse  der  Stadt  werden,  aber  nur
in  dem  Boden  des  Gesetzes  und  der  Ordnung  ruhe  ihre  Stärke
und  die  Gewißheit  des  Siegs“.  Unter  seiner  Anführung  bewegte
  sich  die  ganze,  nach  Tausenden  zählende  Versammlung
auf  den  Markt,  ruhig  wartend,  bis  ihr  Blum  vom  Balkon
des  Rathhauses  herab  die  Gewährung  ihrer  Forderungen  durch
den  von  Schrecken  gelähmten  Rath  verkündigte;  die  Aufrechthaltung
  der  Ordnung  sollte  ausschließlich  der  Communalgarde
überlassen  bleiben,  der  Rath  sich  für  Entfernung  der  Garnison
und  Einleitung  einer  strengen  Untersuchung  gegen  die  an  dem
vergossenen  Bürgerblut  Schuldigen  verwenden,  dem  feierlichen
Begräbniß  der  Gefallenen  kein  Hinderniß  in  den  Weg  gelegt
werden.

Es  war  dies  das  erstemal,  daß  jener  merkwürdige  Mann,
der  von  da  an  eine  so  bedeutsame  Rolle  in  der  Geschichte
Sachsens,  ja  Deutschlands  spielen  sollte,  in  den  Vordergrund
der  politischen  Schaubühne  trat,  schon  hier  die  ihm  eigenthümliche
  Virtuosität  bekundend,  die  Unruhe  wollend  die  Ruhe  zu
predigen.  Durch  eigene  Kraft  und  Beharrlichkeit  aus  dürftigen
Verhältnissen  heraufgebildet  und  darum  mit  der  Empfindungsweise
  des  gemeinen  Mannes  vertraut,  zwar  ohne  gründliche
Kenntnisse,  doch  auf  vielen  Gebieten  menschlichen  Wissens  bewandert,
  unter  dem  Scheine  uneigennütziger  Hingabe  an  die
Sache  von  einem  starken  Ehrgeiz  getrieben  und  durch  eine

Flathe,  Neuere  Geschichte  Sachsens.  35