560  Sachsen  von  1833—1848.

zumal  in  letzter  Zeit  das  System  des  Staatsbaues  Verbreitung
  gewonnen  hatte,  und  obgleich  noch  Viele  vor  einer  so
großen  Mehrbelastung  des  Budgets  zurückschraken,  gaben  die
Kammern  doch  die  Genehmigung  zur  Erwerbung  und  Vollendung
  der  Bahn  durch  den  Staat  in  der  Art,  daß  die  Actien
bis  1855  mit  4  0%  verzinst,  von  da  ab  gegen  3  procentige
Staatspapiere  umgetauscht  wurden;  zugleich  gieng  durch  Vertrag
mit  der  altenburgischen  Regierung  das  ganze  Eigenthum  der
durch  das  Herzogthum  führenden  Bahn  an  den  sächsischen  Staat
über.  Endlich  ermächtigten  die  Kammern  die  Regierung  noch
zu  bedeutenden  Unterstützungen  der  ebenfalls  in  große  Geldnoth
gerathenen  Chemnuitz-Riesaer  und  Löbau-Zittauer  Eisenbahngesellschaften.
  Die  zu  diesen  Zwecken  aufgenommene  Anleihe
im  nominellen  Betrage  von  10  Mill.  Thlrn.  wurde  schnell
und  ohne  die  mindeste  Schwierigkeit  gezeichnet.

Während  dieser  Verhandlungen  war  die  Theuerung  aus
den  angeführten  Ursachen  in  fortwährendem  Steigen  geblieben;
aber  mit  den  frohen  Aussichten  auf  eine  gute  Ernte,  die  der
Frühling  brachte,  sank  der  Roggenpreis  plötzlich  auf  7  Thlr.
und  kehrte  bald  auf  seinen  normalen  Stand  zurück;  die  Noth
war  überwunden.  Die  Haltung,  welche  das  sächsische  Volk  die
ganze  schwere  Zeit  hindurch  bewährt  hatte,  zeichnete  sich,  wie
dies  auch  der  König  nach  seiner  Rückkehr  von  einer  Rundreise
durch  mehrere  Theile  des  Landes  öffentlich  anerkannte,  vor
vielen  anderen  deutschen  Ländern  höchst  vortheilhaft  aus.  Trotz
hie  und  da  versuchter  Verführung  war  nirgends  eine  nennenswerthe
  Störung  der  öffentlichen  Ruhe,  nirgends  eine  Gefährdung
  des  Privateigenthums  vorgekommen.  Das  Verfahren  der
Regierung  wurde  von  den  berufensten  Beurtheilern  als  mustergiltig
  gerühmt  1);  in  der  Bereitwilligkeit  den  Nothleidenden  beizuspringen
  hatten  alle  Stände  auf  das  herzlichste  gewetteifert
und  eine  zum  Theil  großartige  Wohlthätigkeit  entfaltet;  im
Erzgebirge  wirkten  besonders  die  Frauenvereine  ungemein  segensreich.
  Am  Schluß  des  schweren  Jahres  sprach  die  Regierung

1)  W.  Roscher,  Über  Korntheuerung  (1847).