598  Sachsen  von  1848—1854.

Von  den  Abgeordneten  der  neuen  Volksvertretung  1)  bestand
  weitaus  die  Mehrzahl  aus  Neulingspolitikern  von  höchst
mittelmäßigen  Fähigkeiten  und  beschränktem  Gesichtskreis,  welche
die  Fluth  des  Jahres  1848  gehoben  und  bis  an  diesen  Ort
getragen  hatte.  Was  ihnen  an  Kenntnissen  und  Bildung  abgieng,
  das  ersetzten  sie  durch  Gesinnungstüchtigkeit,  durch  halb
dünkelhaften,  halb  um  die  Volksgunst  buhlenden  Wortschwall,
durch  Parteischlagwörter  und  eine  Urwüchsigkeit  des  Ausdrucks,
wie  sie  weder  vor=  noch  nachher  je  in  einer  deutschen  Kammer
erhört  worden  ist.  Die  Volksfreiheit  immer  im  Munde
führend  aber  von  der  Höhe  ihrer  radicalen  Anschauung
auf  jeden  anderen  politischen  Standpunkt  mit  souverainer
Verachtung  herabblickend  verschmähten  sie  es  ihre  Gegner  zu
widerlegen  und  zogen  es  statt  dessen  vor  sie  durch  Verhöhnungen,
tumultuarische  Unterbrechungen  und  den  Lärm  der  ihnen  allzeit
dienstbaren  Galerieen  zum  Schweigen  zu  bringen,  so  daß  die
schwache  und  entmuthigte  Rechte  es  bald  fast  ganz  aufgab  sich
Gehör  zu  verschaffen.  Am  tollsten  trieb  es  die  äußerste  Linke,
die  sich  unter  Tzschirner  und  v.  Trützschler  organisierte,  welcher
letztere  seine  parlamentarische  Thätigkeit  von  Frankfurt  nach
Dresden  verlegt  hatte  und  sich  zu  dem  Glauben  bekannte,  daß
jeder  Mensch  als  Souverain  zur  Welt  komme.  „Ich  kenne
die  Gründe  der  Regierung  nicht  aber  ich  mißbillige  sie!“
donnerte  einer  dieser  Volksmänner  dem  Ministerium  zu.
Dieses  geflügelte  Wort  und  der  blaue  Rock,  in  welchem  ein
anderer  sich  bei  der  Eröffnungsfeierlichkeit  brüstete,  wurden
thypisch  für  den  ganzen  Landtag  und  drückten  ihm  zu  der  Mißachtung
  der  Verständigen  auch  noch  den  Stempel  der  cherlichkeit
  auf.

Eine  kurze  Zeit  hatte  es  den  Anschein,  als  ob  die  Linke
doch  das  Vollgefühl  ihrer  souverainen  Macht  etwas  im  Zügel
halten  wolle,  trotzdem  war  schon  in  den  ersten  Sitzungen  der
ganze  in  den  Kammern  wehende  Geist  feindseliger  Art.  Das

1)  Präsidenten  waren  Joseph  und  Hensel-Zittau,  Vicepräsidenten  in
der  ersten  Kammer  Teschucke  und  Haden,  in  der  zweiten  Schaffrath  und
Tschzirner.