606  Sachsen  von  1848—1854.

entspreche.  „Das  jetzige  Ministerium“,  rief  ein  anderer,  „ist
eine  Arbeiter-,  eine  Feder-,  eine  Diplomatenweisheit  und  nichts
als  Weisheit;  das  Volk  will  aber  keine  Weisheit,  das  Volk
will  Volkskraft,  will  Volkswillen!“  Die  Radicalen  und  die.
Linke,  welche  es  zu  diesem  Außersten  noch  nicht  an  der  Zeit
hielt,  geriethen  hart  aneinander;  nur  mit  der  schwachen  Majorität
  von  sechs  Stimmen  erreichte  letztere  die  Vertagung  des
Antrags.  Der  sicherere  Weg  schien  zu  sein,  die  Regierung  vorerst
  ganz  wehrlos  zu  machen.  In  und  außer  den  Kammern
wurde  mit  unausgesetztem  Eifer  an  der  Untergrabung  der  militärischen
  Disciplin  gearbeitet,  unter  heftigen  Ausfällen  gegen
die  Offiziere  die  Streichung  der  Vorschrift  des  Gehorsams  auch
außer  dem  Dienst  aus  dem  Militär-Strafgesetzbuch,  die  Zurücknahme
  des  an  die  Soldaten  erlassenen  Verbotes  gegen  den
Besuch  republikanischer  Vereine  gefordert.  Unter  dem  Vorwande,
daß  die  Versendung  von  Truppen  im  Reichsdienste  eine  Beeinträchtigung
  der  Souverainetät  der  Einzelstaaten  sei,  verlangten
die  Kammern,  die  Regierung  solle  bei  der  Centralgewalt  die
Zurückberufung  ihrer  Truppen  aus  Thüringen  und  Altenburg
erwirken,  sie  legten  sogar  gegen  die  ohne  ihre  Genehmigung
verfügte  Verwendung  sächsischer  Truppen  in  Schleswig-Holstein
förmliche  Verwahrung  ein,  weil  sie  fürchteten,  daß  an  deren
Stelle  bairische,  der  Verführung  schwerer  zugängliche  Truppen
das  Land  besetzen  möchten.

Unbekümmert  um  diesen  ohnmächtigen  und  unpatriotischen
Protest  rückte  die  nach  Holstein  bestimmte  sächsische  Brigade,
bestehend  aus  den  Infanterieregimentern  Prinz  Georg  und  Prinz
Maximilian,  dem  dritten  Schützenbataillon  und  zwei  Compagnieen
vom  zweiten,  vier  Schwadronen  Gardereitern,  zwei  Batterieen
und  einer  Abtheilung  Pioniere  und  Sappeurs,  unter  dem
Commando  des  Generalmajors  v.  Heintz,  23.  März,  von
Leipzig  aus;  Prinz  Albert  begleitete  sie  als  Hauptmann.  Mit
den  Hennoveranern  vereinigt  bildete  sie  unter  General  v.  Wyneke
  eine  Division  des  nach  der  Kündigung  des  malmöer
Waffenstillstandes  aufgestellten  Reichsheeres.  Um  vor  dem
weiteren  Vorrücken  gegen  Norden  Flanke  und  Rücken  gegen  ein